Accenture Banken Blog

Anhaltende digitale Disruption, exogene Schocks wie die COVID-19-Pandemie oder die anhaltende geopolitische Krisensituation in Europa – all das fordert unsere Bankenlandschaft massiv. Doch wie kann in einem Umfeld permanenter Krisenbewältigung die strategische Neuorientierung gelingen? Gerade in Zeiten wie diesen muss der Fokus auf innovativen, nachhaltigen und resilienten Geschäftsmodellen liegen. Orchestrierte Wertschöpfungsnetzwerke könnten sich als Lösung erweisen.

Noch Anfang des Jahres war auch bei unseren Banken die Stimmung hoffnungsvoll. Ein Ende der winterlichen COVID-19-Welle war absehbar, die deutsche Wirtschaft – so schien es – setzte die Zeichen auf Erholung. Zwischen dem Szenario und heute liegen, wie wir alle wissen, Welten – was sich inzwischen auch deutlich im Bankgeschäft niederschlägt. Doch können unsere Finanzinstitute es sich leisten, weitere Monate im Krisenmodus zu verharren und die sich darstellenden Ad-hoc-Herausforderungen lediglich zu parieren? Ich glaube, mehr als jemals zuvor brauchen wir heute einen Innovationsschub im Bankgeschäft. Damit meine ich nicht kosmetische Maßnahmen wie von FinTechs abgeschaute Front-End-Features oder punktuelle Angebotserweiterungen wie „Buy now, pay later“. Vielmehr muss ein Ruck durch die Bankenlandschaft gehen, wir brauchen eine „Jetzt erst recht“-Attitüde. Aufgaben gibt es schließlich genug.

Natürlich waren Banken in den vergangenen Jahren nicht untätig. Sie haben – gezwungenermaßen – an ihrer Kostenstruktur gearbeitet und zum Beispiel die Filialpräsenz in der Fläche zurückgebaut. Die „Benutzeroberfläche“ zum Kunden hin wurde modernisiert und digital ertüchtigt, wenn auch oft nicht ganz konsequent. Und ganz nebenbei hatten unsere Finanzinstitute nicht nur einen regulatorischen Sturm zu bewältigen, sondern sahen sich einem Wettbewerb mit immer neuen FinTech-Spielern konfrontiert, die mit bequemen, kundenorientierten Lösungen einen attraktiven Wertschöpfungsbaustein nach dem anderen ins Visier genommen haben – ob nun im Rahmen von Payments, Trading oder Konsumentenkrediten.

Banking der Zukunft bedeutet Netzwerken

All das müssen Banken nun hinter sich lassen und ihre Geschäftsmodelle weit beherzter auf den Prüfstand stellen als bisher. Denn was ist die Realität? Finanzierungsbausteine werden nicht mehr nur mit Finanzinstituten verknüpft, sie sind längst unsichtbarer Teil von Wertschöpfungsketten – ob nun die Ratenzahlungsoption beim Onlinehändler, die Finanzierung oder das Leasing beim Autokauf oder Depotbankservices bei Neobrokern. In einer Welt personalisierter End-2-End-Services, der Vorstufe der Plattformökonomie, müssen Banken neue Wege finden, um wieder näher an die Kunden zu rücken. Das kann

  1. unsichtbar als White-Label-Anbieter geschehen, die Bankbausteine in die Services Dritter integrieren
  2. oder in Form einer Orchestrierung relevanter Dienste unter eigener Flagge.

Ersteres setzt einen massiven Automatisierungsschub voraus, um Angebote weit kosteneffizienter als heute zu produzieren. Das könnte für die meisten Institute (zumindest im Retail-Geschäft) extrem schwer werden. Nicht ohne Grund konnte sich die Solarisbank als Banking-as-a-Service-Provider in der deutschen FinTech-Szene derart durchsetzen (auch wenn der Cashburn im aktuellen Umfeld für Probleme sorgt). Option zwei setzt wiederum eine starke Kundenschnittstelle und Expertise im Partnering mit Drittanbietern von Finanzprodukten voraus, um von der Vertriebsmarge zu profitieren. Gerade die Zusammenarbeit mit FinTechs kann hier sinnvoll sein, wie es Spieler wie die britische Starling Bank eindrucksvoll unter Beweis stellen. Außerdem braucht es natürlich neue und relevante Beratungsansätze – ob nun Financial Health für Privatkunden oder die Unterstützung von Unternehmen bei der Nachhaltigkeitstransformation, um zum Magneten für Kunden zu werden. Auch kombinierte Ansätze aus Zulieferung und Orchestrierung sind sicherlich denkbar.

Wichtig ist nur eines: eine schnelle Entscheidung über die künftige Ausrichtung, die Banken bislang oft vor sich hergeschoben haben. Deswegen trifft das Motto des diesjährigen Handelsblatt-Bankengipfels, „Zeitenwende“, das aktuelle Szenario wirklich gut. Es war wahrscheinlich selten dringender als heute, die Weichen zu stellen. Ich freue mich schon jetzt auf den Austausch bei meinem Talk mit Elaine Deehan von der Starling Bank, Chloé Mayenobe von der Solarisbank und Gaëlle Olivier von der Société Générale.