Von der Banking-Superpower aus dem Reich der Mitte können wir lernen.

Bei meinen City-Einkäufen fallen mir in jüngster Zeit immer wieder zwei Logos in hellem grün und blau ins Auge, die der Payments-Angebote der beiden Mega-Plattformen WeChat und Alibaba. Auch hierzulande akzeptieren inzwischen zahlreiche Einzelhändler Alipay und WeChat-Pay. Nicht nur chinesische Touristen, sondern mit ihnen auch Banking-Lösungen „Made in China“ scheinen langsam aber sicher Europa zu erobern. Banken sollten den Trend aufmerksam verfolgen, er dürfte ein erster Vorgeschmack darauf sein, was uns in den nächsten Jahren erwartet.

Um ein erstes Gefühl für das Bankgeschäft aus dem Reich der Mitte zu bekommen, müssen wir inzwischen gar nicht mehr so weit gehen. Viele gut sortierte Warenhäuser in den größeren Städten akzeptieren neben Cash, Kreditkarte & Co mittlerweile WeChat-Pay und Alipay. Kein Wunder, denn mittlerweile besuchen Millionen von Chinesen jedes Jahr Europa; Deutschland ist nach Frankreich in Europa das zweitbeleibteste Reiseziel, und diese Gäste bringen ihre vergleichsweise modernen Zahlungsverkehrsgewohnheiten einfach mit.

Händler haben sich offenbar ganz gut darauf eingerichtet, schließlich ist die chinesische Reisekasse prall gefüllt. Bis zu 350 US-Dollar gibt ein chinesischer Tourist an jedem Urlaubstag aus. Oben auf der Agenda stehen dabei längst nicht mehr nur Luxusartikel, sondern zunehmend auch regionale Produkte.

Tourismus ist erst der Anfang

Hinter den kleinen grünen und blauen Logos steht aber nicht nur ein Touristentrend. Alipay and WeChat-Pay sind schlichtweg Giganten. Sie verfügen über mehr als eine Milliarde regelmäßige Nutzer und wickeln jedes Jahr etliche Billionen Mobile Payment-Transaktionen ab. Das zu ignorieren ist schlicht fahrlässig, und das nicht nur vor dem Hintergrund wachsender Touristenzahlen und Budgets aus dem Reich der Mitte. Andere Länder zeigen, dass die neuen Lösungen der Chinesen den Anstoß zur Veränderung des gesamten Systems bilden. In Finnland akzeptieren beispielsweise inzwischen tausende Händler QR-Code-basierte Zahlungen, in Singapur sind Kleinbetragszahlungen über QR-Codes sogar schon Standard. Und durch die Beteiligung von Alibabas, und damit AliPays Mutterunternehmen Ant Financial am Marktführer PayTm, gestalten chinesische Player inzwischen auch den indischen Zahlungsverkehrsmarkt mit.

Mit all der Marktmacht im Rücken glaube ich fest daran, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis die chinesischen Anbieter auch den westlichen Zahlungsverkehr neu gestalten. Und Payments dürften hier erst der Anfang sein. Doch wie kommt die Veränderung? Übernahmen von Finanzinstituten in Europa dürften im aktuellen politischen Umfeld der Renationalisierung und Abschottung eher schwierig werden. Der Weg für Kooperationen ist aber nach wie vor offen. Ersten aufsehenerregenden Ankündigungen wie die der Zusammenarbeit zwischen Wirecard und Alipay sowie WeChat-Pay dürften daher etliche weitere folgen.

Deutsche Mobile Payments-Lösung reloaded?

Muss das deutschen Banken Angst machen? Kommt darauf an. Natürlich adressieren die Angebote im Moment ganz klar chinesische Touristen. Wenn die Infrastruktur aber einmal in der Fläche ausgerollt ist, was hindert dann Alipay und We-Chat Pay daran, mit ihrem einfachen und nutzerfreundlichen System auch deutsche Kunden zu adressieren?

Die Institute hierzulande sollten sich die Plattform-integrierten chinesischen Lösungen meiner Meinung nach sehr genau ansehen. Und sie sollten rasch und gemeinsam, Bankensäulen-übergreifend investieren. Ich habe Hoffnung, dass diese Entwicklung den Anstoß gibt, beherzter als in der Vergangenheit an ein modernes Payments-System „Made in Germany“ (und künftig vielleicht sogar mehr) heranzugehen.