Future Systems: In der Flexibilität liegt die Kraft

Modernisierungsstau, IT-Legacy, die der Digitalisierung des Bankings im Weg steht, Programmierer, die aus dem Ruhestand zurückgeholt werden, um Probleme zu lösen: Fast schon Jahrzehnte diskutieren wir hierzulande über den notwendigen Neuaufbau der Kernbanksysteme unserer Finanzinstitute. Trotzdem sehen wir hier wenig Dynamik. Der tiefe Eingriff muss aber nicht sein, wenn Banken ihre IT-Organisation neu denken.

Die Diskussion um veraltete Bankentechnologie und Kernbanksysteme erlebe ich beinahe seit Jahrzehnten. Angesichts von Neuaufbaukosten für ein Kernbanksystem zwischen 500 Mio. Euro und einer Milliarde Euro sowie eines Umsetzungszeitraums zwischen 2 und 4 Jahren kann ich die Zurückhaltung durchaus nachvollziehen. Doch es gibt inzwischen auch andere gute Gründe, die vielbeschworene Operation am offenen (Bank-)Herzen als Option zu ignorieren: hochagile und flexibel einsetzbare Technologie- und Vorgehenslösungen, die das Projektrisiko einer vollumfänglichen Modernisierung beherrschbar machen und dem Ertragswachstum die Tür öffnen.

Unsere internationale Enterprise-Systems-Umfrage zeigt, dass Unternehmen, die ganz bewusst neue Technologien in einem breiten Umfang in Anwendung bringen (z. B. Serverless, Applied Intelligence [AI]/Machine Learning [ML], Blockchain, SAAS- und PAAS-Lösungen, Continuous Integration/Continuous Deployment etc.) und für den technologischen Wandel auch die notwendige kulturelle Unterstützung in ihrer Organisation schaffen, mehr als doppelt so stark wachsen wie ihre zaghafteren Wettbewerber. Das gilt auch für Banken. Viele Institute haben zwar massiv in neue Bankentechnologien investiert; die Investments skalieren aber oft nicht, weil die unternehmensweite Durchdringung fehlt oder weil die neue Technologie nicht mit den bestehenden Prozessen und den Anwendern in der Bank zusammenspielt.

Living Systems statt Einzellösungen

Doch was unterscheidet erfolgreiche Finanzinstitute besonders von den anderen? Unsere Studie sieht hier vier zentrale Bereiche:

  1. Technologie-Adoption: Führende Banken sehen die Cloud als Innovationstreiber und sind mutig in der Technologie-Anwendung – Stichwort „Fail fast“.
  2. Architektur: Sie setzen auf flexible und entkoppelte IT-Architekturen, sprich: das „Digital Decoupling“ von Daten, Anwendungen (Apps) und Infrastruktur.
  3. IT-Sicherheit: Sie fokussieren auf „Data Confidence“, eine proaktive, systematische Security, und haben ferner ethische Rahmenwerke für die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine entwickelt.
  4. Koordination zwischen Business und IT: Vorreiter-Institute stellen eine Nutzen-fokussierte Problemlösung in den Mittelpunkt. Interoperabilität und Konsistenz bestimmen das System-Design. Kollaboration und „Co-Creation” zwischen Fachbereichen und IT gehören zum Tagesgeschäft.

Kurzum, die die Zukunft gehört nicht länger einzelnen IT-Lösungen, sondern sogenannten Living Systems, die IT und Organisation gleichsam umfassen. Silos werden aufgelöst, IT und Fachabteilungen rücken zusammen. Die Organisation wird mit integrierten wie agilen Teams an geschäftlichen Fähigkeiten ausgerichtet. Die bisher eingesetzte Schatten-IT in den Fachbereichen verschwindet. Mit Zielen und Restriktionen wird offen und transparent umgegangen, im Zentrum stehen Kundenerlebnis und Business Impact.

Neuer Maschinenraum für den Banken-Tanker

Durch die Einführung flexibler, lebendiger Architekturen und die Etablierung von entkoppelten Architekturen erzielen Banken weit schnellere Resultate als in der Vergangenheit. Lähmende Langzeitprojekte weichen Mock-ups, Piloten und Minimum Viable Products (MVPs), die den schweren Banken-Tanker zwar nicht direkt in ein Schnellboot verwandeln, ihn aber zumindest wieder besser navigierbar machen und auch zu kurzfristigen positiven Ergebnissen führen.

Hierfür sind auch kulturelle Veränderungen in den Finanzinstituten notwendig, wie eine neue Fehlerkultur. Darüber hinaus muss die Belegschaft auf den kontinuierlichen Wandel eingeschworen werden. Dies geschieht am besten über die Förderung von:

  • Diversität
  • Teamwork
  • Offenheit
  • Agilität und Selbstorganisation

Mit der Einführung von Living Systems, einer hochagilen IT-Struktur, haben Banken viel zu gewinnen. Neben höherer Effizienz und einem besseren Return on Investment ihrer IT-Ausgaben verkürzen sie die Time-to-Market neuer Dienstleistungen erheblich. Hinzu kommt eine stärkere Flexibilität und eine Fokusverlagerung der Organisation auf den Business Impact von IT-Investitionen.

Ich bin davon überzeugt, dass Finanzinstitute den enormen digitalen Wandel nur dann erfolgreich bewältigen werden, wenn sie auch ihre IT-Organisation ganz neu denken. Die Einführung agiler IT-Systeme und -Lösungen – und sei es zunächst in kleinen Schritten – kann hier den Anstoß geben.

Dr. Markus Hamprecht

Dr. Markus Hamprecht

Senior Managing Director, Leiter des Bereichs Financial Services in Deutschland, Österreich und der Schweiz

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