COVID-19 hat im Bankenmarkt für radikale Veränderungen gesorgt. Viele Finanzinstitute haben die akute Phase der Pandemie und ihre Auswirkungen zunächst gut pariert – mit zunehmend digitalen Angeboten und Flexibilität, sowohl in Bezug auf die Arbeit der eigenen Teams als auch im digitalisierten Umgang mit den Kunden. Im Schatten dessen haben sich aber auch Entwicklungen aufgetan, die auf eine ganz neue Banking-Normalität nach Corona hindeuten, wie unsere Top-10-Banking-Trends zeigen.

Auf drei der beschriebenenen Trends möchte ich hier besonders eingehen:

  • Konzentrationsschritte, die weiter an Tempo gewinnen
  • ein neues Transparenzniveau im Bankenmarkt
  • den Siegeszug des Plattform-Bankings.

Größer ist besser

Unsere Banken sind bislang verhältnismäßig gut durch die COVID-19-Pandemie gekommen. Sie waren sogar einer der Schlüssel bei der Bewältigung der akuten Krise, indem sie die umfangreichen staatlichen Stützungsmaßnahmen in der Fläche an Unternehmen ausgereicht haben. 2021 nun könnte nicht nur für unsere Volkswirtschaft, sondern auch für den Bankensektor zu einem Schicksalsjahr werden: Institute werden zahlreiche Kreditausfälle auffangen und zugleich die weiteren negativen konjunkturellen Auswirkungen der Pandemie bewältigen müssen – während das Niedrigzinsumfeld weiterhin existiert und sich dies voraussichtlich noch auf Jahre hinaus nicht ändern wird. In diesem Szenario sind auch der Abbau von Geschäftsbereichen und Konzentrationsschritte zu erwarten. Das Motto „Too big to fail“ war gestern. Viele Institute sind in der neuen Normalität möglicherweise schlichtweg zu klein, um erfolgreich zu sein. Dies gilt insbesondere für den – im internationalen Vergleich –kleinteiligen deutschen Markt.

Mit Selbstkannibalisierung zum Category Killer

Im Zuge der Pandemie haben immer mehr Bankkunden von digitalen Bankangeboten Gebrauch gemacht. Damit sinkt im Retailgeschäft perspektivisch auch die Hemmschwelle, neue Anbieter aus dem Fintech- und Bigtech-Bereich und deren Services in Erwägung zu ziehen. Traditionelle Institute werden vor diesem Hintergrund nicht nur mit Kreditausfällen und einer schleppenden Konjunktur zu kämpfen haben, sondern auch mit sinkenden Margen. Schon in den letzten Jahren haben zahlreiche hochspezialisierte Anbieter im Bankenmarkt gewildert, ob nun TransferWise für Auslandsüberweisungen oder Robinhood im Wertpapierhandel. Aus der Nische fordern die Neuen am Markt die Banken sowohl mit ihren hochkompetitiven Preisen als auch mit ihrer Transparenz heraus. In einer Welt des verlorenen Vertrauens, wie unser Banking Consumer Survey gezeigt hat, werden die Banken ihren Kunden weit stärkeren Einblick in ihre Service- und Preisstruktur geben und radikal transparente Produktangebote machen müssen. Ihnen bleibt in vielen Bereichen zudem kaum etwas anderes übrig, als die eigenen Erträge zu kannibalisieren und mit eigenen „Category-Killer“-Angeboten Neobanken und BigTech fernzuhalten.

Darüber hinaus wächst aber auch der Druck auf Banken, ihr Geschäftsmodell grundsätzlich neu auszurichten. Mit dem zunehmenden Markteinstieg von Technologiespielern und dem fortschreitenden Siegeszug der Plattformen drohen die solitären Digitalangebote der Banken auf verlorenem Posten zu stehen. Kunden lieben es schlichtweg bequem – und sie lieben auch „Plattformgefängnisse“, von denen sie nahtlos Zahlungsverkehr und Banking-Anwendungen abwickeln können, ohne sich erst in der Banking-App der Hausbank einzuloggen. Ein gutes Beispiel für die neuen, bequemen Optionen ist die App Stocard, die nicht nur sämtliche Kundenkarten des Einzelhandels virtuell abbildet, sondern inzwischen auch Zahlungsfunktionen bietet. Wir brauchen also längst nicht mehr allein auf Social-Media-Riesen wie WeChat aus China zu schauen. Ich denke, das ist nur der erste Schritt, denn warum sollten Überweisungen, Geldanlage oder Kreditgeschäft künftig nicht einfach Teil des Smartphone-Betriebssystems sein? Unsere Kreditkarten sind ja schon in den Wallets unserer Telefone abgelegt. Der Wettbewerb in vielen Marktsegmenten ist schon heute in unseren Alltagsbegleitern verbaut.

Siegeszug der Plattformen auch im B2B-Geschäft

Aber nicht nur im Retailbanking droht der Kontakt zu den Kunden verlorenzugehen. Auch im Mittelstandsgeschäft drängen sich immer mehr Wettbewerber zwischen Banken und Unternehmen. Statt des Smartphone-Betriebssystems sind es hier digitale Business-Management-Plattformen, die Banken von ihren KMU-Kunden trennen. Ob nun Shopify oder Amazon, beide haben weit tiefere Einblicke in die Lieferkettenökonomie und den Cashflow eines Geschäftskunden als die Hausbank, um nur ein Beispiel zu nennen. Banken stehen damit vor der Richtungsentscheidung. Entweder lassen sie das eigene Profil und die Marke als Serviceanbieter auf Plattformen Dritter in den Hintergrund treten – oder sie suchen selbst nach schlagkräftigen Partnerschaften und orchestrieren ein End-2-End-Serviceportfolio rund um die Bedürfnisse der Kunden. Erste Lösungsansätze, wie etwa BluePort von der Deutschen Bank, stimmen mich zuversichtlich. Das Institut bündelt dort mit Start-up-Partnern zahlreiche innovative Services für Geschäftskunden – von der Unterstützung bei Reisebuchung, Rechnungsfinanzierung und Buchhaltung bis hin zu Marketingservices und Cybersicherheit. Bis zur Durchsetzung in der Breite ist es sicherlich noch ein langer Weg. Ich hoffe aber dennoch, dass das Beispiel Schule machen wird.

Eine Übersicht aller unserer Top-10-Trends finden Sie hier. Nicht alle von ihnen sind für jeden Bankenmarkt gleichermaßen relevant. Sie bieten aber aus meiner Sicht in jedem Fall  eine ganze Menge Raum für Inspiration.