Seit Bundesfinanzminister Scholz im März seine milliardenschwere Fiskal-Bazooka ausgepackt hat, stehen Banken im Zentrum der Rettung unserer Volkswirtschaft. Sie waren es, die die KfW-besicherten Darlehen an notleidende Unternehmen aus zahlreichen Branchen ausgereicht haben. Und sie sind es, die die weiterführenden Finanzierungsmaßnahmen mit besonderer Sensibilität werden schultern müssen.

Rosig sind die Vorzeichen in dieser Hinsicht leider nicht. Auch wenn einige Branchen Zeichen der Erholung senden, so werden wohl viele Industrien dauerhafte wirtschaftliche Schäden davontragen. Geschäftsmodelle, die beispielsweise darauf basieren, dass größere Menschenmengen zusammenkommen – von Messeveranstaltern über den Freizeit-, Reise- und Unterhaltungssektor – werden auf absehbare Zeit nicht die Ertragsniveaus erreichen, auf denen sie sich vor der Krise bewegten.

Das schlägt auch auf den Bankensektor durch. Europas Banken werden für die Deckung pandemiebedingter Kreditverluste dreistellige Milliardenbeiträge aufbringen müssen, wie unsere aktuelle Studie „How Banks Can Prepare for the Looming Credit Crisis“ zeigt. Weltweit werden Finanzinstitute bis zu 2,4 Prozent der bestehenden Kreditvolumina zur Deckung von Kreditausfällen zurücklegen müssen, fast doppelt so viel, wie während der globalen Finanzkrise 2008 abgeschrieben werden mussten.

Umso wichtiger wird es sein, dass Banken im Erholungsprozess die Balance halten – und das auf vielfache Art und Weise. Sie müssen:

  • Privathaushalten und Unternehmen stärker beispringen, wenn die staatlichen Hilfsprogramme auslaufen, ohne Überschuldungssignale und die Notwendigkeit von Restrukturierungsschritten außer Acht zu lassen
  • Vertrauen schaffen und den Kunden ins Zentrum rücken, ohne dabei eigene Kreditrisiken und die eigene Risikotragfähigkeit und Profitabilität zu ignorieren

Gerade der zweite Aspekt der Profitabilität ist nicht trivial. Nach Schätzungen von JP Morgan werden wir im Zuge der Aufarbeitung der Krise eine globale Neuverschuldung von 16 Billionen US-Dollar auf einen Rekordwert von 200 Billionen bis Ende dieses Jahres erleben. Für Banken und andere Kreditgeber steht damit auch das eigene Überleben auf dem Spiel. Und fallen sie aus, setzt ein Dominoeffekt ein, der die gesamte Weltwirtschaft ins Wanken bringt.

Bei der Vergabe von Krediten und der Verlängerung von Finanzierungskonditionen stehen damit nicht nur schwierige Entscheidungen bevor, sondern äußerst sensible. Diese sollten daher dringend auf soliden, verlässlichen und nachvollziehbaren Grundlagen getroffen werden. Doch haben die Banken noch die richtigen Werkzeuge dafür in der Hand?

Vier zentrale Stellhebel für das Kreditmanagement

Daran zweifeln lässt der Umstand, dass Banken im Licht des konjunkturellen Aufschwungs der vergangenen zehn Jahre ihr Kreditmanagement auf ein Minimum reduziert haben. Sie werden hier dringend neue Ressourcen aufbauen müssen. Vier Dimensionen sind hier zentral:

  1. Portfolio-Strategie: Banken müssen ihre Kredit- und Inkassostrategie anpassen und eine Art Kommandozentrale aufbauen, in der alle Informationen zusammenfließen. Vermögenswerte als Kreditsicherheit haben beispielsweise aktuell nur wenig Aussagekraft. Welchen Wert haben etwa Flugzeuge, die dauerhaft am Boden stehen, oder leerstehende Hotels? Auch Exit-Strategien im Sinne von Portfolio(teil)verkäufen sollten frühzeitig berücksichtigt werden.
  2. Exzellente Kreditabwicklung: Um bevorstehende Kreditausfälle schnell und effektiv bewältigen zu können, müssen Kreditgeber sicherstellen, dass ihr Betriebsmodell, ihre Prozesse, ihr Personal und ihre Technologie entsprechend ausgerüstet sind. Notwendig ist ein kostenoptimierter, skalierbarer Ansatz für Ausfallprävention, Forderungs­management und Sanierungsmaßnahmen.
  3. Digitale Kreditverwaltung: Banken müssen neue Daten, Analysen und Automatisierungsoptionen einsetzen, um das wahre Risiko von Unternehmen, Privatkunden und deren Umfeld zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Traditionelle Analysequellen helfen hier nicht weiter. Gefragt ist die Kombination aus Signalen, die kundenspezifische Risiken erfassen, und branchenspezifische oder makroökonomische Faktoren.
  4. Mit Mensch und Maschine für den Menschen: Nur mit dem Einsatz intelligenter Technologie und Automation an der Seite von menschlichen Beratern in einem intensiven Beratungsprozess werden Banken gegenüber ihren Kunden der ganz besonderen Sensibilität der aktuellen Situation gerecht.

Mir ist klar, wir verlangen von unseren Banken in der aktuellen Krise eine Menge. Und doch tun Banken gut daran, mit den richtigen Schritten an den aktuellen Herausforderungen zu wachsen. Schließlich gehen mit neuen Skills im Kreditmanagement nicht nur verantwortungsvollere Kreditentscheidungen in der gegebenen Sondersituation einher, die Banken als Vertrauensinstanz für ihre Kunden und unsere Volkswirtschaft manifestieren. Finanzinstitute werden mit den neuen Fähigkeiten künftig auch ein weit profitableres und widerstandsfähigeres Kreditgeschäft haben. Was spricht also dagegen, jetzt kraftvoll in eine neue Kredit-Ära zu starten?