Mehr als ein guter Vorsatz zum neuen Jahr

So altmodisch wie es klingen mag, aber ich nutze den Jahresbeginn für gute Vorsätze – oder viel mehr noch: für Vorhaben. Meine persönliche Agenda 2020 wird sich um Nachhaltigkeit drehen. Nachdem Verzicht keine Lösung ist, will ich einfach Gewohnheiten überdenken und nachhaltigere Optionen nutzen. Ob im Alltag, auf Reisen oder im Arbeitsleben.

Das ist kein einfaches Vorhaben – und dasselbe gilt für die Banken, die es derzeit nicht leicht haben: Das Niedrigzinsumfeld hat sich verfestigt, FinTechs stellen die etablierten Geschäftsmodelle in Frage, die Regulatorik beschäftigt ganze Abteilungen – und jetzt kommt auch noch die Nachhaltigkeit. Auch wenn vermutlich niemand mehr glaubt, dass dies eine gesellschaftspolitische Phase ist, die man aussitzen kann, so mag manch einer vielleicht denken, er könne auf Zeit spielen. Aber genau das glaube ich nicht – denn der Ruf nach dem Purpose von Unternehmen wird von allen Stakeholdergruppen immer lauter.

Die Bankkunden von morgen demonstrieren heute bei „Fridays for Future“, der gesellschaftspolitische Druck steigt. Die Unternehmerkunden arbeiten bereits hart an der Optimierung ihres CO2-Fussabdrucks, die Lieferkette wird gleich mitbewertet. Institutionelle Investoren sorgen für zweistellige Wachstumsraten in nachhaltigen Fonds, ohne auf Performance zu verzichten. 85% der CEOs sehen es als ihre persönliche Aufgabe an, dass das Unternehmen eine nachhaltige Strategie verfolgt. Und BlackRock wird mit der Ankündigung, Nachhaltigkeit in die Portfolioentscheidungen einzubeziehen, die Veränderung beschleunigen.

Den Purpose wiedererlangen

Richtig angegangen ist Nachhaltigkeit eine große Chance für die Banken. Anstatt ihr mit Angst vor der nächsten regulatorischen Welle zu begegnen, können Banken mit einer Agenda der Nachhaltigkeit eine sinnhafte, unternehmerische Zielsetzung – den Purpose – wiedererlangen, und das gleich in dreifacher Hinsicht:

  • Banken werden selbst zum nachhaltigen Unternehmen: Strategie und der darin verankerte Purpose geben den Rahmen, um ESG-Kriterien auf sich selbst anzuwenden (ESG steht für Environmental, Social und Governance). Digitale Prozesse, Green Building, Corporate Social Responsiblity, hier kann jede Menge getan werden. Und das wird Banken wieder zu einem attraktiveren Arbeitgeber machen.
  • Banken bieten nachhaltige Produkte an: die grüne Baufinanzierung, die nachhaltige Kreditkarte, Social Impact Investing, Green und Social Bonds… die Möglichkeiten sind zahlreich in allen Facetten der Bankprodukte. Zentral ist hierbei, kein „green washing“ zu betreiben, sondern glaubhafte Produkte auf den Markt zu bringen und die Gelder dahin fließen zu lassen, wo sie nachhaltig wirken können.
  • Banken finanzieren den Wandel der Realwirtschaft: Milliardeninvestitionen werden jährlich gebraucht, um der Realwirtschaft eine Transformation zu mehr Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Heißt konkret, die Klimaziele zu erreichen. Das ist eine Menge Geld – und wird auf lange Sicht das Nachhaltigkeitsrating der Bank beeinflussen. Kreditstrategien können dies beschleunigen, doch ich erwarte, dass nur wenige Banken ein komplett „grünes“ Kreditbuch anstreben. Glaubwürdigkeit entsteht wiederum dann, wenn die Strategie gelebt wird – und damit auch mal Opportunitäten wegfallen. Gleichzeitig müssen Nachhaltigkeitsrisiken in das Risikomanagement aufgenommen werden, um Entscheidungen auf valider Basis zu treffen.

Nachhaltigkeit als Teil des Kerngeschäfts

Heute ist das Nachhaltigkeitsmanagement meist ein Team mit beeindruckender Expertise, aber aufgesetzt als eine Stabsstelle beispielsweise im Marketing oder der Konzernstrategie. Der Nachhaltigkeitsbericht wird eifrig geschrieben, die Wesentlichkeitsanalyse erarbeitet. In den wenigsten Häusern gibt es einen Chief Sustainability Officer auf Vorstandsebene. Die Veröffentlichung der BaFin zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken hat das Thema verfestigt und die ersten Banken aufwachen lassen. Raus aus der Stabsstelle, rein in das Kerngeschäft der Banken.

Natürlich gibt es viele Dinge, die die Umsetzung erschweren: Die Taxonomie ist komplex, die Datenbasis ist unklar, die Kapazität für Veränderung erschöpft. Einige Banken haben die Chance dennoch in den Vordergrund gestellt und Nachhaltigkeit zu ihrem Rahmen gemacht, anstatt sie nur als einen weiteren Agendapunkt in der Geschäftsstrategie stehen zu lassen. Nachhaltigkeit zur Differenzierung im Wettbewerb ist eine Chance für Wachstum, bevor sie zum regulatorischen Zwang wird. Also gehen wir es an. Ich habe ja nicht gesagt, dass es einfach wird.