In der altgriechischen Sagenwelt hatte Odysseus die undankbare Aufgabe, sein Schiff zwischen zwei Meeresungeheuern, Skylla und Charybdis, zu manövrieren. Zwei gleich große Übel, denn weicht er dem einen Monster aus, kommt er dem anderen zu nahe und sein Schiff sinkt. Ein Bild, das wie ich finde, sehr schön die Situation unserer Banken beschreibt:

Auch sie manövrieren zurzeit in unruhigen Gewässern: Auf der einen Seite befinden sich Unternehmen, die ein Servicenetzwerk aufgebaut haben, in dem Finanzdienstleistungen voll integriert sind und die Bank als solche fast nicht mehr sichtbar für den Kunden ist. Und auf der anderen Seite haben Unternehmen ihre – ursprünglich bankenfremde – Geschäftsmodelle durch eigens entwickelte Finanzdienstleitungen ergänzt, um für ihre Kunden attraktiver zu werden. Damit haben diese Unternehmen Banken in bestimmten Bereichen komplett überflüssig gemacht.

Glauben Sie nicht? Ist aber in vielen Märkten schon der Fall. Schauen wir uns die beiden „Ungeheuer“ genauer an:

1. Hauptsache einfach und bequem

Der Wunsch der Verbraucher nach Bequemlichkeit und komfortablen Services wurde vielfach und von den unterschiedlichsten Unternehmen erhört. Wir wollen einen Service in Anspruch nehmen und dabei gleichzeitig so wenig wie möglich Aufwand haben. Wie wichtig Bequemlichkeit ist, zeigen aktuelle Umfragen zu digitalen Bezahllösungen. Hier wird das Kriterium „Komfort“ sogar noch vor „Sicherheit“ genannt. Große erfolgreiche Serviceanbieter haben dieses Bedürfnis verstanden und ganze Servicenetzwerke aufgebaut. Kunden müssen diese Netzwerke überhaupt nicht mehr verlassen, um eine bestimmte Dienstleistung in Anspruch zu nehmen, denn sie wurde – vorausschauend – integriert.

So hat es der chinesische Messenger-Dienst WeChat geschafft, weit über die reine Chat-Funktion ein ganzes Netz an Dienstleistungen anzubieten. Egal ob Reservierung im Restaurant, das Bezahlen der Taxi-Rechnung oder die Überweisung an Freunde: Alles in einer „Everything-App“. Einer Chat-App wohlgemerkt, mit fast einer Milliarde Nutzern, die Finanzdienstleistungen nahezu unsichtbar in ihr Netzwerk integriert hat. User müssen für den bequemen Bezahlvorgang nicht einmal mehr eine separate Banking-App öffnen oder gar die Chat-App verlassen. Bankdienstleistungen quasi als Mittel zum Zweck.

Der Weg zu einem reinen Finanzdienstleistungsunternehmen mit einer Vielzahl von Bankprodukten ist für solche Marktplayer nicht weit. So könnte ein Messenger-Dienst schnell zum ernstzunehmenden Bankenkonkurrent werden. Dass WeChat noch ganz andere Ziele verfolgt möchte ich in diesem Post ganz bewusst außen vorlassen. Aber die Message ist klar: die Sorge um die eigenen Daten ist vor dem Mantra: einfach, schnell, bequem weit in den Hintergrund gerückt.

2. Es war einmal: Das Monopol auf Finanzdienstleistungen

Das zweite Seemonster, das Banken bedroht, sind Unternehmen, die Finanzdienstleistungen nicht einfach nur integrieren und damit die Bank in den Hintergrund drängen, sondern selbst einzelne Bankleistungen anbieten, um ihr eigenes Geschäftsmodell attraktiver zu machen.

Neben der neuen Konkurrenz von innovativen FinTechs sind dies vor allem die GAFAs dieser Welt. So hat Amazon bereits 2011 Kredite in Höhe von drei Milliarden Euro an Kleinunternehmen vergeben. Warum auch nicht? Die Geschäftsverbindung mit den Unternehmen, die auf der Amazon-Plattform verkaufen, besteht bereits. Zumal hat Amazon beste Einblicke in die Verkaufsaktivitäten und kann durch die Bewertungssysteme die Kreditwürdigkeit sehr gut einschätzen und Prognosen erstellen. Ausfallrisiken können so bestmöglich abgemildert werden. Ziel von Amazon ist aber bei weitem nicht, in das Kreditgeschäft einzusteigen und damit Geld zu verdienen. Das Angebot dieser Finanzdienstleistung ist lediglich ein Service, um das eigentliche Geschäft, den Handel mit Drittanbietern auf der eigenen Plattform, anzukurbeln. Bankdienstleistungen auch hier als Mittel zum Zweck.

Wer fehlt in dieser Konstellation? Eine Bank.

Skylla zähmen und Charybdis navigieren

Was sind also die größten Gefahren für Banken, die zwischen Skylla und Charybdis segeln? Durch die Kundenwünsche nach immer bequemeren Bankenservices hat sich ein Wettbewerb entwickelt, der immer öfter auch in den Revieren von Finanzdienstleistern wildert.

Zum einen sind Banken darin bedroht, dass ihre Dienstleistung in andere Service-Angebote eingebunden wird. Zahlungsvorgänge oder Geldtransfers sind schon heute oft so stark integriert, dass der Kunde gar nicht mehr aktiv mit dem Bankinstitut in Berührung kommt.

Zum anderen entwickeln immer mehr Unternehmen eigene Finanzdienstleistungen nebenbei, nicht um eine Bank zu werden, sondern um ihr ureigenstes Geschäftsmodell zu fördern und bieten diese – ganz ohne Zutun eines Bankinstituts – am Markt an. Übrig bleibt entweder nur noch ein sehr geringer Anteil an der Wertschöpfungskette oder – im schlimmsten Fall – der komplette Verlust des Marktzugangs.

Die Lösung für das Dilemma der Banken ist meiner Meinung nach genau in den Gefahrenherden zu finden.

Bankdienstleistungen müssen durchgehend von Anfang bis zum Ende durchdacht werden: Und zwar nicht vom Start der eigentlichen Finanzdienstleistung, sondern vom Beginn des Kaufwunsches des Kunden bis zu dem Moment, in dem der Kunde das Produkt in der Hand hält. Die Komfortansprüche ihrer Kunden müssen in den Fokus rücken. Um im Bild zu bleiben – eine gezähmte Skylla kann Teil eines End-To-End Services werden.

Auch am Selbstverständnis sollte gefeilt werden: Wenn Banken es schaffen, sich als Finanzplattform zu verstehen und ihre Dienstleistung innerhalb eines Servicenetzwerks auch anderen Unternehmen zur Verfügung zu stellen, nehmen sie den global agierenden Tech-Riesen den Wind aus den Segeln. Und auch hier zurück zur griechischen Sagenwelt: wer Charybdis gekonnt navigiert wird ihrem Sog entgehen.

One response:

  1. Sehr geehrter Herr Dr. Markus Hamprecht,

    ich kann ihre Ausführungen nur unterstreichen. Die Finanzdienstleister insgesamt müssen aufgrund verschiedenster Entwicklungen, ob das die Technik ist oder aber auch die Veränderungen der Kundenbedürfnisse sind, ihre strategische Unternehmensplanung neu ausrichten.
    Wie sie schreiben reicht es nicht mehr sich nur die bisherige eigene Wertschöpfung anzuschauen. Die Unternehmen müssen für jede einzelne Dienstleistung die sie anbietet die gesamte Wertschöpfungskette analysieren und ein entsprechendes Zukunftsszenario aufbauen wie diese jeweilige gesamte Dienstleistungskette aussehen wird.
    In meiner Überzeugung werden in naher Zukunft nicht mehr die einzelnen Kettenglieder einer Dienstleistungskette im Wettbewerb stehen, sondern die Gesamtdienstleistungsketten an sich. Denke erste Anzeichen sind überall ersichtlich.
    Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass aufgrund der Wichtigkeit dieser Aufgabe, hierzu sich in vielen Unternehmen ein neuer Bereich in den Geschäftsführungen herausbilden wird, der sich ausschließlich mit dieser strategischen Innovations-Planung beschäftigen wird.
    Aus meiner Sicht macht eine weitere Position Sinn, da die Anforderungen an diese Person nicht nur darin liegt eine möglichst detaillierten Gesamtüberblick über eine gesamte Wertschöpfungskette fachlich als auch technisch zu haben, sondern noch hinzukommt, dass diese Person daraus Innovationen, Visionen entwickeln soll. Jedes Unternehmen sollte sich ganz ehrlich die Frage stellen in wie weit die heutige Geschäftsführerstruktur dieser Aufgabe einen genügend großen zeitlichen Rahmen, wie dies aus unternehmerischer Sicht notendig ist, einräumen kann.

    Ich bin selbst nun über 30 Jahre in der Wertschöpfungskette Börsen, Börsenhandel, Finanzprodukte, Onlinebanken, Vermögensverwalter intensiv unterwegs und beschäftige mich mit den technischen Neuerungen wie z.B. DTL, STO, AI, QC. Nach der ersten Phase, zeigt sich durch eine realistischere Betrachtung dennoch ein nicht zu unterschätzendes Potential der DTL für Veränderungen, die erhebliche Verschiebungen der Wertschöpfung in dieser Kette hervorrufen werden.
    Wo diese Wertschöpfung am Ende angesiedelt sein wird, hängt wesentlich vom jeweiligen Management ab in wie weit es bereit ist ihre eigenen heutigen Wertschöpfungen nicht als heilige Kühe zu betrachten. Entscheidend wird aber auch sein die Wertschöpfungsketten neu aufzustellen bestenfalls mit den heutigen Kunden zusammen aber am Ende, wenn es nicht anders geht auch gegen die heutigen Kunden mit allen Risiken die sich daraus ergeben zum Wohle der mittelfristigen Unternehmensplanung.

    Beste Grüße
    Jahn Ludwig

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