Als ich vor einigen Jahren begonnen habe, mich mit dem Thema „Nachhaltigkeit im Banking“ zu beschäftigen, musste ich die Nachrichten dazu suchen. Es waren Spezialinstitute oder Stabsstellen, die sich dem Thema angenommen hatten und einer kleinen motivierten Kundengruppe Finanzdienstleistungen anboten. Heute ist das anders. Nachhaltige Produkte und Services verlassen im Bankensektor die Nische. Das liegt nicht nur an der gesellschaftlichen Stimmung oder dem Druck internationaler Investoren, sie versprechen schlicht Wachstum in einem umkämpften Markt. Die Rolle der Banken in der Finanzierung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Transformationsprojekte wird aktuell immer wichtiger, und auch der Sustainable Finance Beirat fordert, Konjunkturprogramme mit Nachhaltigkeitszielen zu verknüpfen – und die Geschäftsgrundlage der Finanzierung krisenfester zu machen.

Im Gleichschritt mit Konsumenten und Unternehmen besinnen sich Banken auf ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit – und sollten es als explizite Chance nutzen, um sich von ihren Wettbewerbern zu differenzieren. Eine zentrale Rolle spielen dabei Glaubwürdigkeit und ein messbarer Beitrag. Wenn Banken für mehr stehen als das Finanzprodukt, das sie verkaufen, können sie auf neue Art in die Bedürfnisse ihrer Kunden einzahlen und die Kundenbeziehung grundlegend neu aufbauen. Dass nachhaltige Produkte zur die Wachstumsagenda beitragen, zeigt der Geschäftsbericht der GLS BANK: Sie berichtet für das Jahr 2019 ein Kundenwachstum von über 25%, mit 19% Anstieg in der Veranlagungssumme und 13% Plus in der Neukreditvergabe.

Vielfältige Wachstumsfelder

Verändert Corona nun alles? Was das Momentum in der Nachhaltigkeit angeht hoffentlich nicht. Denn aus der Krise sollten wir gestärkt und zukunftsfähig rauskommen, und das bedeutet in der heutigen Zeit mit einem stärkeren Fokus auf nachhaltige Geschäftsmodelle, also einem Strukturwandel. Dass diese zum Geschäftserfolg beitragen müssen, versteht sich von selbst. Letztlich geht es darum, sich im Wettbewerb zu differenzieren und Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln, die neben dem „Value to Society“ auch einen „Value to Business“ liefern:

  • Mit intensivierten Beratungsdienstleistungen in der Projektfinanzierung können Banken ihren Unternehmerkunden helfen, mit den neuen Anforderungen umzugehen und bspw. auf das 1,5 Grad Ziel einzuzahlen. Und das nicht nur für die „Big Deals“, sondern gerade auch über Plattformmodelle für Klein- und Mittelstandsunternehmen.
  • Laut Industrieanalysen stieg die Gesamtsumme der nachhaltigen Geldanlagen in Deutschland 2019 um 28% und dieser Trend setzt sich fort. Auf ihre Performance im Vergleich zum Markt wird in der Krise genau geschaut – auch ohne eine einheitliche Definition des Begriffs Nachhaltigkeit in der Taxonomie. Ist letztere eingeführt und umgesetzt, ist der Standard definiert. Finanzdienstleister werden sich dann eine „Hausmeinung in der Nachhaltigkeit“ bilden müssen, um sich im Wettbewerb zu positionieren und die Konkurrenten hinter sich zu lassen.
  • Die Kreislaufwirtschaft bietet den Banken neue Finanzierungsmöglichkeiten – und erste Banken nehmen eine Pionier-Rolle ein, in dem sie zur Skalierung der Kreislaufwirtschaft beitragen. Intesa Sanpaolo will hier proaktiv statt reaktiv sein und Nachfrage fördern. Banken haben Zugang zu großen Mengen an Informationen und sollte genau diese nutzen, um ihren Kunden in der Nachhaltigkeitsagenda zu helfen.

Nutzung von Daten und neuen Technologien als Enabler für die Nachhaltigkeit

Nur mit der Anwendung von neuen Technologien und strukturierten Datenmodellen können Banken in der Operationalisierung der Nachhaltigkeitsagenda erfolgreich sein, ohne dass Aufwand und Kosten explodieren. In der Umsetzung muss dabei auf den Erfahrungen aus der Digitalisierung aufgesetzt werden: Erfassung strukturierter Informationen schon im Antrag, Einbeziehung externer Datenquellen wo immer sinnvoll und möglich, Monitoring der Nutzung und Vorbereitung datenbasierter Entscheidungen – um nach wie vor eine schnelle und erfreuliche Customer Experience zu liefern. Im Ergebnis erhalten Banken und ihre Kunden belastbare Informationen über den individuellen CO2-Fußabdruck oder den Einfluss ihrer Tätigkeit auf die 17 von den Vereinten Nationen formulierten Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs).

Auch prozessual sollten Vorbereitungen auf die wachsende Bedeutung von ESG-Kriterien in der Finanzwelt getroffen werden. Hier können Banken beispielsweise auf Erfahrungen aus dem KYC-Prozess aufbauen. Reputationsrisiken werden inzwischen bei Geschäftsentscheidungen systematisch einbezogen. Um dies effizient zu bewältigen, müssen Prozesse aber so gestaltet werden, dass sie maximal digital und automatisiert mit hoher Transparenz über vorhandene Daten ablaufen. Eine solche Entwicklung erwarten wir auch beim Umgang mit Nachhaltigkeitsaspekten. Es ist an der Zeit für einen kraftvollen Start.