In der Herbstsession 2020 verabschiedete das Schweizer Parlament den Gesetzeskomplex rund um Distributed Ledger Technologien (DLT) und verankerte somit verschiedene Neuerungen im Zusammenhang mit der Nutzung von Blockchain und DLT im Schweizer Recht. Diese Neuerungen sorgen nicht nur für mehr Rechtssicherheit und beseitigen Hindernisse rund um die Adaption von DLT-Anwendungen, sondern bergen auch das Potenzial, die heutigen Finanzmarktinfrastruktur und Wertschöpfungsketten der Kapitalmärkte grundlegend zu verändern.

Disruption der traditionellen Wertschöpfungskette

Zwei zentrale Elemente des Gesetzesentwurfes sind besonders hervorzuheben. Zum einen wird ein neues digitales Wertrecht eingeführt, das «DLT-Registerwertrecht», welches die Digitalisierung bzw. Tokenisierung von Aktien und weiteren Wertpapieren und Rechten ermöglicht (im folgenden DLT-Wertrecht). Zum anderen schafft das DLT-Gesetz den passenden Handelsplatz für diese DLT-Wertrechte durch die Einführung einer neuen Lizenzkategorie im Finanzmarktinfrastrukturgesetz (FinfraG), der «DLT-Handelssystemlizenz».

Diese neue Lizenz beschränkt sich nicht nur auf die Ausgabe von DLT-Wertrechten, sondern ermöglicht weitreichende Tätigkeiten, welche heute Zentralverwahrer oder Zahlungssystemanbieter vorbehalten sind und eine zusätzliche Lizenz benötigen.

Die DLT-Handelssystemlizenz ermöglicht die Schaffung eines DLT-basierten Handelsplatzes, der die gesamte Schweizerische Finanzmarkt-Wertschöpfungskette «Swiss Value Chain» abdecken kann: Emission, Handel, Abwicklung, Verwahrung, Post-Trade-Services für Token und DLT-Wertrechte bis hin zur Zahlungsverarbeitung und damit auch das Führen von Konten. Darüber hinaus ist es den DLT-Handelssystemen erlaubt, Retail-Kunden direkt als Plattformteilnehmer zuzulassen.

Mit der Einführung dieser umfassenden Lizenz gepaart mit den Möglichkeiten, welche die Verwendung von DLT bietet, bringt die Schweiz die verschiedenen Innovationen und Errungenschaften des öffentlichen Blockchain-Bereichs (z. B. Ethereum Netzwerk & ECR20 Tokens) in ein reguliertes Umfeld und unter die Aufsicht der FINMA. Somit steht einer flächendeckenden und institutionellen Adaption von digitalen Vermögenswerten nichts mehr im Wege. Ich bin überzeugt, dass dies neben den traditionellen Anwendungen auch den Weg für neue, vielversprechende Anlagekategorien ebnet.

Neue Geschäftsmöglichkeiten

Schauen wir uns beispielsweise den Schweizer Aktienmarkt an, so müssen wir feststellen, dass nur die wenigsten Unternehmen an der Börse kotiert und zum Handel verfügbar sind. Und dies obschon die KMUs das Rückgrat unserer Wirtschaft sind. Analog dazu ist auch der KMU-Fremdkapitalmarkt nicht öffentlich zugänglich, sondern traditionell in der Hand von Banken. Eine DLT-Handelsplattform könnte so den KMUs mit tieferen Emissionskosten und Zugangsbarrieren die Erschliessung von weiteren Finanzquellen ermöglichen. Die Öffnung dieser Anlageklasse könnte dabei nicht nur KMUs und Investoren begünstigen, sondern auch gebundenes Kapital aus den Bankbilanzen befreien und somit dieses für weitere wirtschaftsfördernde Aktivitäten freigeben.

Weiter sehen wir mögliche Anwendungsfälle im Bereich der heute (noch) non-bankable assets (NBA). Darunter fallen beispielsweise Immobilien, Kunstgegenstände, sowie andere «Passion Investments» wie Luxusautos, Juwelen oder Schmuck. Die überwiegende Mehrheit dieser Vermögenswerte ist zurzeit nicht im Finanzsystem erfasst und daher auch nicht ohne Weiteres handelbar. Die Tokenisierung solcher Gegenstände eröffnet neue Möglichkeiten. Beispielsweise könnten Kunden so eine holistische Vermögensübersicht erhalten, welche den Banken eine noch massgeschneiderte und persönlichere Beratungsdienstleistung ermöglicht. Des Weiteren ist ein Marktplatz für NBAs denkbar. Dies würde den allgemeinen Zugang zu dieser Vermögensklasse erleichtern und öffnet die Türen für neue Modelle, wie zum Beispiel dem geteilten Eigentum zur Risikodiversifizierung.

Auch im Umfeld traditioneller Finanzanlagen können durch den Einsatz von DLT Effizienzsteigerungen erzielt werden. Dies kann anhand des Einsatzes von Smart Contracts erläutert werden. So kann man sich smarte und automatisierte Lösungen für die Abwicklung von strukturierten Finanzprodukte vorstellen. Bei den sogenannten Special Purpose Acquisition Companies (SPAC) sehen wir konkret ein Anwendungsbeispiel: SPACs sammeln an der Börse Gelder ein, um diese über einen festgelegten Zeitraum, üblicherweise 18 bis 24 Monate, in private Unternehmen zu investieren und diese so an die Börse zu bringen, ohne den kostspieligen und langwierigen IPO-Prozess zu durchlaufen. Kann jedoch in der festgelegten Zeit kein Investitionsobjekt identifiziert werden, gehen die Gelder zurück an die Anleger. Diese Rückzahlung könnte durch Smart Contracts komplett automatisiert abgewickelt werden. Zusätzlich wird so das Anlagerisiko für Investoren minimiert.

Wie die Diskussion zeigt, haben die Gesetzesneuerungen weitreichendes Potenzial, die Finanzmarktinfrastruktur-Landschaft grundlegend zu verändern. Nicht nur wird eine klare Gesetzesgrundlage zu DLT-Wertrechten eingeführt, mit der umfassenden DLT-Handelssystemlizenz wird der Grundstein gelegt, um die Vorteile von DLT-Systemen in einem regulierten Umfeld nutzbar zu machen. Schaut man dabei über den Tellerrand traditioneller Finanzanlagen und Krypto Tokens hinaus, eröffnen sich weitere Anwendungsbeispiele, welche die Finanzmärkte integrativer, intelligenter und effizienter machen.

Zögern Sie nicht, diese immense Gelegenheit beim Schopf zu packen. Lassen Sie uns gemeinsam die Kapitalmärke in die Zukunft führen. Sollten Sie Fragen haben oder dieses Thema näher mit uns beleuchten wollen, dann kontaktieren Sie mich gerne. Ich und mein Team stehen Ihnen jederzeit für ein Gespräch zur Verfügung.