Accenture Banken Blog

Eine der größten finanziellen Entscheidungen, die wir in unserem Leben treffen, ist wahrscheinlich die Anschaffung einer Immobilie. Ob Neubau des Einfamilienhauses oder der Erwerb der schon gebauten Eigentumswohnung mit Garagenstellplatz: Selbst in Zeiten von Niedrigzinsen binden sich Privatkunden langfristig an ihre Banken, um dieses Vorhaben zu finanzieren. Doch in den meisten Fällen übersteigt es das Einkommen oder Eigenkapital bei Weitem. Und genau diese Langfristigkeit bedeutet nun, in dieser schon komplexen Entscheidung die Nachhaltigkeitsaspekte mitzudenken. Denn nur dann wird das „Betongold“ zum Traum vom Eigenheim, und der Besitzer vermeidet Überraschungen, die mit weiteren finanziellen Belastungen einhergehen würden. Aber so einfach ist das leider nicht.

Für viele Banken ist die Baufinanzierung ein wichtiger Anteil am Kreditbuch. Sie haben hohe Geschäftsvolumina im Gebäudesektor, der aktuell ca. 16% der deutschen Treibhausgasemissionen verursacht (Umweltbundesamt). Die Dekarbonisierung des Gebäudesektors ist zum Erreichen der Emissionsreduktionsziele essenziell – und muss schnell gehen: Bis 2030 sollen die Emissionen des Gebäudesektors nach den Plänen der Bundesregierung um 50% reduziert werden (Umweltbundesamt). Herausfordernd wird hierbei sein, den vergleichsweise hohen Bestand an alten Immobilien im Rahmen eines sehr ambitionierten Zeitplans auf ein entsprechendes Energieeffizienzlevel zu modernisieren, wofür die Ampelkoalition zunehmend größere Budgets einplant. Beispielsweise sind 90% aller Gebäude in Deutschland renovierungsbedürftig und vor 2000 gebaut worden (Statistische Ämter des Bundes und der Länder) – darüber hinaus sollten 2% aller Gebäude jährlich renoviert werden, um die Ziele der Bundesregierung zu erreichen (dena).

Nicht nur das zunehmende Engagement von Banken im Themenfeld rund um die grüne Baufinanzierung ist ein Indiz dafür, dass sich künftig neue Geschäftspotentiale ergeben.

Ankerprodukt Baufinanzierung trifft auf neue Anforderungen

Unter grüner Baufinanzierung kann zunächst das Produktangebot selbst verstanden werden. Dabei ist zwischen Neubau und Bestandsimmobilie mit entsprechender Sanierung zu unterscheiden. Die Angebote können dedizierte Bepreisungen beinhalten, Vorgaben zur Art der Objekt- oder Sanierungsfinanzierung machen und auch weitere, z. B. regulatorische Vorgaben mit abdecken (u. a. EU-Taxonomie-Verordnung). Außerdem ist darunter das gesamte Service-Angebot zu verstehen, welches mit sich verändernden Produktangeboten, aber auch mit weiter steigenden Auflagen einhergehen muss und die Baufinanzierung langfristig verändern wird. Das bedeutet auch, dass dieses Finanzierungsthema nochmals komplexer wird.

Für Banken sind Baufinanzierungen nach wie vor relevant und gelten auch trotz derzeit wieder steigender Zinsen als Ankerprodukt. Das durchschnittliche Kreditportfolio deutscher Institute besteht zu 43% aus Immobiliendarlehen, je nach Geschäftsmodell und Regionalität der Geschäftstätigkeit sind aber auch bis zu 90% keine Seltenheit (laut Accenture Research). Im Kontext eines umfassenden und verlässlichen Risikomanagements ist es daher unumgänglich, auch die Immobilienportfolios hinsichtlich z. B. physischer und transitorischer Klimarisiken zu scannen und so zu valideren Risikoeinschätzungen zu kommen (z. B. zu Substanzwerten von Immobilien). Die so generierte Transparenz hilft auch, regulatorische Offenlegungsanforderungen zu erfüllen. Zudem haben viele Banken Net-Zero-Versprechen abgegeben, was die aktive Dekarbonisierung des eigenen Portfolios impliziert. Aufgrund der Treibhausgasintensität und großen Anteile an den Kreditbüchern der Banken ist die grünere Aufstellung des Immobilienportfolios daher hoch zu priorisieren. In Summe können die zuvor angesprochenen Punkte langfristig zum Reputationsaufbau und der Verbesserung des Images einer Bank beitragen. Dafür müssen die Dekarbonsierungsmaßnahmen im wahrsten Sinne nachhaltig sein sowie transparent dargestellt und kommuniziert werden.

Grüne Baufinanzierungen in der Breite verfügbar, doch nur als Ergänzung

Die beschriebenen Anreize entfalten ihre Wirkung mittlerweile in der Breite des Marktes – fast alle Banken sehen Nachhaltigkeit als wichtigen Teil ihrer Tagesordnung und bieten verschiedene grüne Baufinanzierungsprodukte an. In Deutschland wirbt die Commerzbank beispielsweise mit Zinsvergünstigungen von 0,1% für Immobilien mit einem Endenergiewert von 50kWh/m2 und koppelt dies optional an KfW-Förderungen (Commerzbank). Es wird aber im Hinblick auf den Markt auch deutlich, dass solche Produkte für Banken aktuell nur erste Schritte auf längeren Produkt-Roadmaps sind, die noch strategisch aufgesetzt werden müssen. So wird z. B. bisher seitens der Banken mehrheitlich kein dezidiertes Beratungsangebot zu grünen Neubauten oder Renovierungen angeboten. Auch für die Identifizierung und Zertifizierung von (potenziell) grünen Immobilien besteht derzeit noch kein Markstandard, es werden verschiedene Zertifikate und Ratings herangezogen.

Es zeichnet sich schon jetzt ab, dass die umfangreiche Welt der grünen Baufinanzierung ein sehr breites Spektrum an Kompetenzen erfordert, die nur mit sehr hohem Aufwand durch die Bank allein erreicht werden können. Es müssen zunächst verschiedene Finanzierungszwecke abgedeckt werden, wie z. B. Bau, Kauf und Renovierung einer Immobilie sowie das Prolongieren einer laufenden Finanzierung, was sich aufgrund der steigenden Anforderungen an Dekarbonisierung als zunehmend komplex erweist. Hinzu kommen verschiedene Lebenssituationen der Kunden. So besteht ein großer Beratungsbedarf, der sich auch auf technische Details erstreckt. Außerdem kann ein Eigenheimbesitzer recht autark entscheiden, wohingegen die wachsende Anzahl der Wohnungseigentümer ggf. noch eine Hausgemeinschaft von ihren Sanierungsvorhaben überzeugen muss.

Banken könnten all diese Kompetenzen intern aufbauen und unterhalten. Da jedoch schon diverse Anbieter am Markt tätig sind, die einzelne Aspekte der Wertschöpfungskette abbilden, sind neue Partnerschaften mit spezialisierten Unternehmen, insbesondere Startups, häufig ratsam. Hier sind bereits erste Ankündigungen zu beobachten. Im Rahmen einer Ökosystemstrategie können Banken also die Time-to-Market drastisch reduzieren, ihre eigenen Ressourcen effizient einsetzen und sich schon jetzt am Markt für grüne Baufinanzierungen differenzieren und langfristig positionieren. In der Summe schaffen Banken sich so die Möglichkeit, die Positionierung an der  Kundenschnittstelle neu zu gestalten.

Wie sie sich auch entscheiden, mit eigener Beratungs- und „grüner Beratungskompetenz“, oder als Produktanbieter mit geeigneten (u.a. Beratungs-)Partnern, die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann eine nachhaltige Strategie zur Umsetzung grüner Immobilienprodukte verankert wird.

Wie schon das Thema Nachhaltigkeit in all seinen Facetten ist auch die grüne Baufinanzierung als ein Teilaspekt der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation gekommen um zu bleiben. Sie wird die Komplexität zukünftiger Finanzierungen in einem der wichtigsten Geschäftsfelder weiter erhöhen, und zwar für Kunden und Banken gleichermaßen. Letztere können dies als Chance nutzen, um ihre Positionierung in der über Jahrzehnte verlaufenden Customer Journey neu auszurichten.