Aus gegebenem Anlass möchte ich heute einen etwas anderen Blickwinkel auf die Bankenwelt werfen: Zollen wir bei all der Faszination, welche die Digitalisierung mit sich bringt, dem Thema „Financial Inclusion“ eigentlich genug Aufmerksamkeit? Ganz aktuell geht das Thema „Cashless“ als Idealvorstellung einer bargeldlosen Gesellschaft wieder durch die Presse – und wie so oft wird der deutsche Markt als Schlusslicht einer modernen, digitalen Welt dargestellt. Der Appell an die deutsche Kreditwirtschaft und den deutschen Konsumenten: findet den Anschluss, hört auf zu zögern!

Auch ich zähle mich zu einer Zielgruppe, die sich nach mehr Komfort in einem Alltag sehnt, in dem laufend etwas bezahlt werden will. Allerdings stelle ich mir auch die Frage, ob das Konzept wirklich nur Verbesserungen mit sich bringt oder ob wir vor manchen Konsequenzen einfach nur die Augen verschließen.

Sollten die aktuellen Prognosen zutreffen, dann könnten wir ein Modell der bargeldlosen Gesellschaft schon in wenigen Jahren in Schweden finden. In dem skandinavischen Land kann man nämlich schon heute nahezu sämtliche Konsumbedürfnisse ganz ohne Scheine und Münzen befriedigen. Nicht nur Supermärkte und Restaurants, sondern selbst Straßenmusiker akzeptieren dort Kartenzahlungen oder Mobile Payments. Doch ist der Weg der technikaffinen Schweden, die – anscheinend gesellschaftsübergreifend – lieber mit Karte, mit Apps oder Online-Überweisung zahlen auch eine Perspektive bei uns?

Verlockende Vorteile – unbequeme Herausforderungen

Die Vorteile der „cashless society“ liegen auf der Hand: Keine lästigen Gänge zur Bank, um Geld abzuheben, Transaktionen sind nachvollziehbar, Geldwäsche (für Banken und Gesellschaften ein immenses Problem) kann damit effektiver bekämpft werden. Und last but not least: Auch die teure Bargeldver- und -entsorgung entfällt. Viele Händler akzeptieren in Schweden schon heute nur noch EC- und Kreditkarten – das wirkt fast wie ein Gegenpol zur deutschen Gastronomie, wo „no plastic“ noch oft Regel statt Ausnahme ist.

Wenn mit der Bargeldabschaffung gesetzliche Zahlungsmittel durch private Angebote ersetzt werden, dann warten aber auch ganz grundsätzliche Herausforderungen auf uns. Wie abhängig machen wir uns beispielsweise, wenn wir uns allein auf private Zahlungsverkehrslösungen und deren Anbieter verlassen? Entwicklungen wie beispielsweise die jüngste drastische Preiserhöhung bei Paypal für angeschlossene Händler sollten hier zum Nachdenken bewegen. Ganz ohne Diskussionen findet die Entwicklung übrigens selbst im skandinavischen Musterland des digitalen Zahlens nicht statt. Längst formiert sich Widerstand, beispielsweise von Seniorenverbänden, die den Ängsten vor einem „abgehängt“ werden ganzer Gesellschaftsschichten eine Stimme verleihen.

Financial Inclusion – Banken können Brücken bauen

Völlig aus der Luft gegriffen sind diese Ängste nicht. Der Aspekt der inklusiven Gesellschaft wird auch mir in diesem Zusammenhang zu wenig diskutiert. Eine bargeldlose Gesellschaft schließt Teile der Bevölkerung zwangsweise aus. Sicher, wir haben in Deutschland eine nahezu hundertprozentige Finanzdienstleistungsversorgung, aber eben nur fast. Es gibt eine beachtliche Menge an Personen, die schlichtweg nicht in der Lage sind, die sich bietenden Angebote der Digitalisierung wahrzunehmen. Wie gehen wir beispielsweise mit Senioren oder Menschen mit Behinderung um? Wie können Menschen am Rande der Gesellschaft ohne Bargeld am Wirtschaftsleben und damit auch an unserer Gesellschaft teilhaben?

Ich glaube, wir brauchen neben dem Recht auf Internet auch ein Recht auf wirtschaftliche Teilhabe in Form eines Zugangs zu Zahlungsmitteln, auch (zumindest noch) auf Bargeldzahlung. App-basierte Zahlungen setzen Endgeräte und Strom voraus – ein echtes Problem für Obdachlose und arme Menschen. Andere Personengruppen können solche Geräte möglicherweise nicht bedienen oder wissen nicht, wie sie sich im Fall eines technischen Ausfalles behelfen können. Und das ist nun wirklich nicht ganz abwegig – schließlich ist wahrscheinlich jeder von uns schon einmal am Fahrkartenautomaten eines deutschen Verkehrsverbundes gescheitert.

Eine Ausgrenzung von Teilen der Gesellschaft oder selbst einzelner Gruppen dürfen wir nicht zulassen. Damit der digitale Fortschritt im Zahlungsverkehr keinen sozialen Rückschritt mit sich bringt, müssen wir die Diskussion dringend aufnehmen. Banken können hier eine wichtige Rolle spielen. Neben der persönliche Beratung können auch einfach zu bedienende, verständliche und vertrauenswürdige digitale Lösungen denjenigen eine Brücke bauen, die den Weg zum digitalen Selbstservice nicht schaffen.