Dass das internationale Bankensystem mit all seinen Institutionen häufig (unwissentlich) für illegale Geldwäschegeschäfte genutzt wird, ist nicht neu. Neben dem Bargeldschmuggel zählt das Einschleusen von illegalen Geldern mit Hilfe des Finanzsystems schon fast zu den traditionellsten Formen der Geldwäsche. Doch wussten Sie, dass die handelsbasierte Geldwäsche (Trade Based Money Laundering, TBML) ebenso zu einer der ältesten Formen zählt? Ich selbst konnte in den letzten Jahrzehnten eine starke Konzentration von Geldwäscheaktivitäten in historisch gewachsenen Grauzonen wie Off-Shore Banking und Briefkastengesellschaften feststellen. Zum Glück stehen diese jedoch seit geraumer Zeit stark im Fokus der Regulatorik. Das macht illegale Machenschaften in diesem Bereich immer schwieriger. Die logische Folge: Geldwäscher wenden sich wieder vermehrt Altbewährtem, also TBML-Aktivitäten, zu. Schon seit geraumer Zeit beobachte ich hier eine deutliche Zunahme – sowohl im Volumen als auch in der globalen Reichweite.

TBML-Aktivitäten – für Kriminelle kein Problem

Allein im Jahr 2019 beliefen sich die weltweiten Exporte im Warenhandel auf 18,8 Billionen US-Dollar[1]. Ein Großteil der zugrundeliegenden Transaktionen werden durch Kreditvergaben, Akkreditive, Factoring oder Versicherungen finanziert. Da diese traditionellen Handelsfinanzierungsprodukte jedoch sehr aufwändig sind und ziemlich viel Papier erfordern, kommen immer häufiger Open Account Transactions, also der Kauf gegen Rechnung, zum Einsatz.

Für einen Rechnungskauf spricht aus Sicht der Geldwäscher:

  • geringe Dokumentationsanforderungen und somit geringe Überwachung und Regulierung,
  • hohe Komplexität von Handelsfinanzierungsprodukten, die das Aufdecken krimineller Machenschaften erschweren,
  • einfaches Vermischen von illegalen mit legalen Geldern durch Nutzung eines legitimen Handels bei gleichzeitiger Falschdarstellung des Preises, der Qualität oder der Menge der Güter.

Ein klassisches Beispiel für diesen Ansatz kennen wir vom grenzübergreifenden Drogenhandel. Um den Ursprung illegaler Einnahmen aus Drogengeschäften zu verschleiern, dient ein legales Exportgeschäft. Dabei liefert der Exporteur beispielsweise Waren in Höhe von fünf Millionen USD, der Importeur erhält allerdings eine Rechnung über 15 Millionen USD. Mit Hilfe einer Überfakturierung werden hier scheinbar legal 10 Millionen USD transferiert. Oftmals arbeiten dabei Exporteur und Importeur für Tochterunternehmen derselben Muttergesellschaft.

Wie kann TBML bekämpft werden?

Die Bekämpfung von handelsbasierter Geldwäsche wird dadurch behindert, dass sich kriminelle Organisationen die Komplexität von Handelssystemen zunutze machen und deren Lücken clever ausnutzen. Häufig erstrecken sich ihre Aktivitäten über verschiedene Gerichtsbarkeiten und Organisationen, was Anti-Geldwäsche-Prüfungen (AML) und Due-Diligence-Prozesse sowie deren Anpassungen erschwert. Da unter anderem Akkreditive große Mengen unstrukturierter Daten enthalten, die ein großes Maß an manuellen Kontrollen und Eingriffen zur Überwachung und zum Vergleich erfordern, sind diese Prozesse höchst ineffizient und fehleranfällig. Dies ist einer der Gründe dafür, wieso bisherige Bemühungen im Kampf gegen diese Form der Geldwäsche sich als wenig erfolgreich herausstellten.

Nach intensivem Austausch mit meinen Kolleginnen Julianne Landmann und Angela Rosenberger sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass Finanzinstitute vielmehr versuchen sollten, ihre AML/CFT-Kontrollen (Anti-Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung) in den Bereichen Handelsfinanzierung und Korrespondenzbankverkehr zu verstärken und mit der richtigen Technologie zu unterstützen. Hier können sie sowohl auf punktuelle als auch auf gesamthafte Lösungen zurückgreifen.

Punktuelle Lösungen

Als eine mögliche punktuelle Lösung sehe ich die Einführung von KI-basierten Technologien wie Optical Character Recognition (OCR) und Name Entity Recognition (NER). Damit können Prozesse digitalisiert und automatisiert werden, indem Dokumente eingescannt und anschließend automatisch ausgelesen werden. Dabei werden unstrukturierte Daten in eine strukturierte, für die Technologielösung auswertbare Form gebracht. Im Falle von Akkreditiven können zum Beispiel relevante Daten wie beteiligte Organisationen, das liefernde Schiff oder das zu beliefernde Land automatisch aus einem Frachtbrief ermittelt werden. Basierend auf diesen Informationen können Compliance-Checks vorgenommen werden, indem die extrahierten Angaben in entsprechende Screening-Tools überführt werden. Im weiteren Verlauf ist es möglich, Analysen durchzuführen, da die Datengrundlage und somit die Zusammenhänge durch die Anwendungen der benannten Technologien deutlich verbessert wurden.

Gesamthafte Lösungen

Die Einführung einer digitalen End-to-End-Anfragestrecke für Handelsfinanzierungsanfragen ist eine Komplettlösung zur Bekämpfung von TBML-Aktivitäten. Hier werden Inputdaten automatisch durch den gesamten Prozess weitergegeben, was die Notwendigkeit für manuelle Kontrollen und fehleranfällige Eingriffe reduziert. Damit dies gelingt, muss zu Beginn der Anfrage eine strukturierte Datenerfassung sichergestellt werden. Ein Frontend mit festen Inputfeldern, die vom Anfragenden befüllt werden, ist hier hilfreich. Anhand dieser Daten können im zweiten Schritt mit Hilfe von Machine Learning entsprechende Compliance-Prüfungen automatisch durchgeführt werden. Da TBML-Akteure sich gerne hinter verschiedenen Gerichtsbarkeiten und Organisationen verstecken, die für Finanzinstitutionen schwer zu durchschauen sind, ist das effiziente Screening der Beteiligten einer der wichtigsten Schritte in der Bekämpfung dieser Aktivitäten.

Ich denke, eine solide, strukturierte Datenbasis ist ein effektiver Hebel, wenn es darum geht, sich nachhaltig vor unwissentlichen Verwicklungen in TBML-Aktivitäten zu schützen. Ob dies über eine punktuelle oder gesamthafte Lösung erreicht wird, ist für den Erfolg der Lösung nicht entscheidend, sondern vielmehr eine Frage der individuellen Risikoaffinität. Aber eine der beiden Lösungen sollte auch umgesetzt werden.

[1] Statista https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37143/umfrage/weltweites-exportvolumen-im-handel-seit-1950/