In der Digitalisierung gelten die FinTechs als Beschleuniger für die Banken: Einerseits waren es disruptive Geschäftsmodelle wie Vergleichsportale, Kreditmarktplätze, Robo Advisor und Neobanken, die mit einem fokussierten Angebot und einer schlanken Customer Experience Bankkunden abspenstig gemacht haben – und damit die Banken in Zugzwang brachten, ihr digitales Angebot ebenfalls zu verbessern. Andererseits haben sich FinTechs mit Identitätsdiensten, Kontowechselservices und Banking-as-a-Service als Helfer der Banken positioniert, und einzelne Prozessschritte für die Banken als digitalen Baustein geliefert – mit schneller Time-to-market und einer hohen Markteffizienz durch geteilte Lösungen. Schaue ich nun auf die Diskussion um die Nachhaltigkeit im Finanzwesen, wünsche ich mir viel mehr FinTechs, die diesen Megatrend abermals beschleunigen. Denn die Nutzung neuer Technologien im Kern statt im experimentellen Piloten sowie eine herausragende Customer Experience werden hier ebenso wichtig sein wie in der Digitalisierung.

Nachhaltige FinTechs sind (noch) eine Nische

FinTechs haben oftmals den Anspruch, schneller als die Banken zu sein und vorauszudenken. Das Fair Finance Institute zählte Anfang des Jahres 36 FinTechs in Deutschland, die mit ihrem Geschäftsmodell auf eines der 17 Sustainable Development Goals (SDG) einzahlen – gemessen an der Gesamtzahl von FinTechs im deutschen Markt sind das weniger als 5%. Schaut man sie sich an, zeigen sich auch hier wieder beide Rollen:

  • Disruptoren: Zu den FinTechs, die ihren Kunden eine nachhaltige Alternative zu den bestehenden Banken anbieten, gehören bspw. die Neobank Tomorrow in Deutschland und die Impact-Investing-Plattform Yova in der Schweiz sowie verschiedene Crowdfunding-Anbieter mit Fokus auf Donations wie Twingle. Sie sprechen eine eigene Kundengruppe an, bieten ein Substitut zum Produkt der etablierten Banken. Die Nachhaltigkeit ist bei ihnen kein zusätzliches Feature, sondern integraler Bestandteil des Produktangebots – damit müssen sie sich nicht wandeln wie die Anbieter, bei denen nachhaltige Investmentkredite den „brown investments“ gegenüberstehen. Zulauf bekommen sie u.a. von jüngeren Generationen, die die gesellschaftspolitische Diskussion um die Nachhaltigkeit treiben – und deren Verlust für die Banken besonders schmerzhaft sein dürfte.
  • Beschleuniger: Da die Operationalisierung der Nachhaltigkeitsagenda und die Einhaltung der Regulatorik Transparenz und Daten erfordert wird, sind übergreifende Services insbesondere dort wichtig, wo mehr Daten zu mehr Einblick und damit besseren Ergebnissen führen – für alle Beteiligten. So bringt Arabesque S-Ray Nachhaltigkeit und AI zusammen und wertet über 200 ESG Metriken in selbstlernenden Modellen basierend auf umfassenden Quellen aus – um so den „human bias“ auszuschalten. Doconomy und ecolytiq bieten CO2-Rechner basierend auf Zahlungsverkehrsdaten – und der Link zu den großen Kartenanbietern gibt der Rolle der Lösung Nachdruck

Man könnte den 5% Anteil von nachhaltigen FinTechs positiv lesen, übertrifft er doch den Anteil nachhaltiger Geldanlagen an den Gesamtanlagen, der aktuell bei unter 3% liegt. So sehr das Thema die Diskussion bestimmt, scheint es doch eine zeitliche Verzögerung zu geben, was die Durchsetzung im Markt angeht – und dieser trifft Banken ebenso wie FinTechs.

Finanzentscheidungen sind langfristig – heute die Weichen für die Zukunft stellen

Sowohl Anlage- als auch Finanzierungsgeschäfte gehen langfristig in die Bücher, daher müssen Banken ebenso wie FinTechs um so vorausschauender denken. Drei Faktoren sehe ich, die aktuell eine Beschleunigung der FinTech-Gründungen in diesem Bereich einschränken:

  1. Banken bauen zunehmend selbst Kompetenzen auf: Kaum eine Bank ohne bold message zur Nachhaltigkeit in der Presse, unabhängig vom notwendigen Änderungsgrad zum heutigen Geschäftsmodell. Kompetenzteams werden intern aufgebaut, Produkte und Prozesse überprüft, Reportings erweitert. Das macht den Ideenraum für FinTechs kleiner, zumal Banken gerade in der Finanzierung der Transformation der Realwirtschaft einen großen Hebel haben. Mit Trubudget der KfW als blockchain-basiertem Tool für geberfinanzierte Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit oder dem nachhaltigen Robo Advisor Will der Raiffeisen Landesbank setzen Banken zudem FinTech-nahe Ideen selbst um.
  2. Greenwashing muss vermieden werden: In der Nachhaltigkeit alles richtig zu machen, ist gar nicht so einfach – ein 80% Ansatz reicht oftmals nicht als Startpunkt aus, wodurch das Erstprodukt einen vergleichsweise höheren Aufwand bedeutet. Mit dem im Greenwashing-Fall inhärenten Reputationsrisiko ist es sonst auch ganz schnell wieder vorbei – und etablierte Player werden sich die Partner genau ansehen.
  3. Venture Capital Geber integrieren Nachhaltigkeit als Entscheidungskriterium: Auch wenn es zunächst konterintuitiv klingt, so sehe ich das Versprechen der verschiedensten Kapitalgeber, die Nachhaltigkeit in Investitionsentscheidungen aufzunehmen, vorübergehend als Verzögerung . Denn bis diese neu geförderten FinTechs Marktreife und damit Reichweite erreichen, wird einige Zeit vergehen – zudem fehlt es an „big ideas“

Aber lassen wir uns doch davon nicht entmutigen. FinTechs können einen wichtigen Beitrag im Wandel hin zu einem nachhaltigeren Finanzwesen leisten. Denn die Themen Technologie und Customer Experience sind Teil ihrer DNA – und damit werden sie helfen, das Thema operationalisierbar zu machen und raus aus der Nische zu tragen.