Neulich bin ich über einen Beitrag aus Großbritannien gestolpert, der mich nachdenklich gestimmt hat. England stehe vor einer „Krise“ der Finanzkompetenz von Erwachsenen, hieß es da. Jeder Dritte scheitere laut einer Studie daran, sein Wechselgeld bei einem einfachen Einkauf zu berechnen. Inzwischen macht auf der Insel sogar schon die Bezeichnung „Financial Illiteracy“, sprich finanzieller Analphabetismus die Runde.

Hintergrund des Aufruhrs ist eine Studie des University College London, die den Umgang mit den Finanzen in verschiedenen Tests bewertet hat und England und Nordirland im Vergleich mit 30 anderen Nationen die schlechtesten Noten gibt. Ganz unbekannt ist das Problem aber auch hierzulande keineswegs. Seit Jahren konstatieren Untersuchungen immer wieder, wie schlecht es um die Finanzbildung der Deutschen bestellt ist:

  • Rund 51 Prozent der Deutschen haben laut Erhebung der ING nach eigenem Bekunden keinerlei Finanzbildung erhalten.
  • Ein Viertel der Deutschen weiß nach einer Studie des Bankenverbands nicht, was „Inflation“ bedeutet.
  • Nur die Hälfte der Deutschen nimmt sich zudem Zeit für die eigene Finanzplanung.

Zudem gesteht in der Verbandstudie fast jeder zweite, „keine Ahnung“ davon zu haben, was an der Börse geschieht. Aktienkultur? Fehlanzeige! Auch in dem britischen Test landet die Bundesrepublik mit Platz 16 entsprechend gerade einmal im unteren Mittelfeld.

Überschuldung als logische Folge

Die Folgen schlechter Finanzbildung sind weitreichend: Betroffene werden kaum in der Lage sein, Finanzinformationen richtig zu interpretieren. Selbstständige und vor allem gute Finanzentscheidungen (wir reden hier gar nicht mal unbedingt vom Aktiensparen, sondern von ganz einfachen Aspekten des Geldkreislaufs) sind hier kaum zu erwarten. In einem solchem Umfeld, im dem Betroffene nicht in der Lage sind, ihren Haushalt wirtschaftlich zu führen, wächst nicht nur das Überschuldungsrisiko (rund sieben Millionen Deutsche gelten laut Schuldneratlas Deutschland 2018 von Creditreform heute als überschuldet), die Probleme werden auch an die nächste Generation weitergegeben.

In den USA verstehen zahlreiche Menschen seit Jahren nicht, dass die Kreditkarte kein Wunderinstrument für dauerhaften Konsum ist, sondern das Ganze auch irgendwann bezahlt werden muss. Inzwischen belaufen sich die Kreditkartenschulden der US-Amerikaner auf 829 Milliarden Dollar. Und das bei Zinsen jenseits der 15 Prozent pro Jahr. Eine solche Einstellung zu Finanzaspekten kann sich zu einem systemischen Risiko für die Gesamtwirtschaft auswachsen. In Deutschland sind wir von derart hohen Schuldenquoten zwar noch weit entfernt – vielleicht auch, weil es echte Kreditkarten und eine entsprechende Zahlungskultur nicht gibt. Doch auch hierzulande wächst die Zahl überschuldeter Privatpersonen seit mehr als zehn Jahren kontinuierlich.

Geld und Finanzen als Schulfach

Umso wichtiger ist es, dass wir den Kreislauf durchbrechen, um schon frühzeitig die Grundlagen für Selbstbestimmtheit in allen Finanzfragen zu legen. Der Umgang mit Geld gehört meines Erachtens nach in die Schule – und zwar verpflichtend. Kinder sollten nicht nur wissen, wie Konto und Finanzprodukte funktionieren, wenn sie ins Leben starten. Sie sollten auch ein Gefühl für ein finanziell ausbalanciertes Leben bekommen. Natürlich sollten wir aber auch die Generationen jenseits des Kindesalters abholen, Unwissen abbauen, Ängste nehmen, Vertrauen schaffen. Immerhin bezeichnen sich allein in der Altersgruppe der 25 bis 34Jährigen 44 Prozent als finanzielle Analphabeten. Zudem schneiden die 30- 44-Jährigen traditionell am schlechtesten bei der Schufa ab.

Insgesamt ist ein gemeinsamer Kraftakt für mehr Finanzwissen gefragt. Hier sollten meiner Meinung nach auch Banken ins Spiel kommen und ihren Teil der gesellschaftlichen Verantwortung übernehmen. Initiativen, wie die von der Comdirect Bank und der Börse Stuttgart ins Leben gerufene Stiftung Rechnen, die Kindern den Spaß an der Mathematik vermitteln will, sind sicherlich ein wichtiger erster Schritt. Dem sollten weitere Engagements zur finanziellen Alphabetisierung, auch von politischer Seite, folgen. Denn letztlich haben wir alle etwas davon, wenn alle besser mit Geld umgehen können und niemand auf der Strecke bleibt.