Mit der European Payments Initiative (EPI) sind mehr als 20 europäische Banken und Zahlungsdienstleister aus acht Ländern angetreten, um einen neuen europäischen Player im Zahlungsverkehr am internationalen Markt zu konstituieren. Das erklärte Ziel: Die Etablierung einer Bezahllösung, die sich bereits in fünf Jahren mit den großen Zahlungsdiensten oder Kreditkartenfirmen aus den USA oder Asien messen kann.

Die Initiative der europäischen Banken ist nicht nur zu begrüßen, sondern auch ein überfälliger Schritt, wenn man sich die rasanten Entwicklungen und den Einzug neuer Technologien in den Zahlungsverkehr anschaut. Europa droht sonst mit einer fragmentierten Landschaft zwischen den Global Playern aus den USA und China zerrieben zu werden. Mit den derzeitigen nationalen Lösungen erscheint es jedenfalls nicht möglich, in immer kürzeren Abständen innovative, bequemere und schnellere Zahlungsmethoden für Kunden und Handel auf den Markt zu bringen. Europa braucht ein widerstandfähiges und schlagkräftiges Bezahlverfahren, das der internationalen Konkurrenz die Stirn bieten kann. Um dies zukunftsfähig zu gestalten, ist es notwendig, von Beginn an auch zukünftige Technologien mitzudenken.

Bisher setzt EPI allerdings auf bekannte und bewährte Technologien. Das ist auch verständlich, denn immerhin soll EPI möglichst schnell eine breite Akzeptanz schaffen und erste Produkte bereits kommendes Jahr an den Markt bringen. Doch das Ziel muss höher gesteckt werden, geht es hier doch um die Zukunft des europäischen Zahlungsverkehrs. EPI sollte die Chance nutzen, Innovationsmotor im Zahlungsverkehr zu werden und damit die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Banken und Zahlungsdienstleister im weltweiten Wettbewerb zu steigern.

EPI darf die kommende Revolution im Zahlungsverkehr nicht verpassen

Für die nächsten Jahre zeichnet sich nichts weniger als eine Revolution im Zahlungsverkehr ab. Tokenbasierte Zahlungsinstrumente auf Basis von Blockchain-Technologie werden an Relevanz gewinnen – auch weil es mit digitalem Zentralbankgeld (CBDC) endlich eine wertstabile und verlässliche Variante geben wird.

Wer sich auch in Zukunft mit VISA, Mastercard, Apple, Paypal, Alipay & Co. messen will, muss jetzt die Weichen für die sich rasant entwickelnde Token-Ökonomie stellen. Neben der Initiative von der Europäischen Zentralbank und anderen Notenbanken arbeiten auch führende Geschäftsbanken (z.B. JPM Coins)  und Big Techs (Facebook Diem) an neuen, tokenbasierten Zahlungsinitiativen. Die Aufbau- und Migrationsphase von EPI wird weitgehend parallel zur Weiterentwicklung dieser tokenbasierten Zahlungsinitiativen verlaufen. Es ist also für die EPI entscheidend, diese neuen Strukturen von Anfang „mitzudenken“ und die eigene Position zu stärken. Sonst besteht die Gefahr, nach den ersten Betriebsjahren im globalen Wettbewerb schon wieder in Rückstand zu geraten.

Die großen internationalen Zahlungsanbieter und zukünftigen Wettbewerber von EPI haben die Chancen der tokenbasierten Paymentmethoden bereits auf dem Schirm. So veröffentlichte VISA beispielsweise vor Kurzem ein Papier, wie ihre bestehende Netzwerkinfrastruktur genutzt werden kann, um offline tokenbasierte Zahlungen, die durch CBDC unterstützt werden, zu verarbeiten. Und Mastercard bietet eine CBDC-Testplattform für Zentralbanken an, um die Nutzung nationaler digitaler Währungen zu bewerten und zu erforschen.

 EPI hat jetzt die Chance etwas wirklich Großes zu vollbringen

Es wird künftig unumgänglich werden, tokenbasierte Zahlungsplattformen zu bedienen. Die Technologie verspricht einfach zu viele Vorteile. Auch das Internet der Dinge oder die Industrie X werden kompatible Zahlungsmittel benötigen. Hierbei spielt die Programmierbarkeit von Token und deren automatisierte Verknüpfung mit Smart Contracts eine entscheidende Rolle bei der Digitalisierung von Zahlungen.

Aus unserer Sicht also genügend Gründe, warum sich die European Payments Initiative von Anfang an auch mit der Abwicklung von tokenisierten Werteinheiten beschäftigen sollte. Mit einem hybriden Abwicklungsmodell könnte EPI eine Brücke in die Zukunft bauen und zum Nukleus für die Ausgabe und die Verarbeitung von digitalem Giralgeld werden.

Für die europäischen Banken ergibt sich so die Chance, an vorderster Front im harten Wettbewerb im globalen Zahlungsverkehr zu sein. EPI könnte somit nicht nur zur europäischen Antwort auf die internationalen Zahlungssystemanbieter werden, sondern zum Ankerpunkt für eine neue kompatible Bankeninfrastruktur, die die Ausgabe und Verarbeitung von tokenbasierten Zahlungen in digitalen Bankcoins und/oder digitalem Zentralbankgeld (CBDC) koordiniert. Ein zentraler Platz im europäischen und globalen Zahlungsverkehrs-Ökosystem wäre für die EPI-Banken damit möglich.