In meinem Bekanntenkreis stoße ich oft auf Skepsis, wenn es um die Einführung von digitalem Zentralbankgeld (DZBG) geht. Was soll das bringen – ich zahle doch schon längst digital, wurde ich schon häufig gefragt. Ich verstehe diese Frage, denn auf den ersten Blick sind die Vorteile von DZBG für den Verbraucher nicht offensichtlich. Wer profitiert also von DZBG? Wo stecken für wen welche Risiken drin? Welche Eigenschaften wird es letztendlich haben? Das finale Design wird stark von den Nutzergruppen abhängen, für die es maßgeblich entwickelt wird.

DZBG-Design hängt von Nutzer-Interessen ab

Da sind zum einen die Zentralbanken selbst. Mit dem Vormarsch des digitalen Bezahlens und dem Rückgang von Bargeldgeschäften schwindet sukzessive eine Säule ihres Kerngeschäfts, nämlich die der Sicherstellung des Zahlungsverkehrs über die Ausgabe physischer Banknoten.  Im internationalen Vergleich kann man in Sachen „digitalem Geldverkehr“ nicht hintenanstehen. Da liegen die Überlegungen zu einem eigenen DZBG nah. Man will die Kontrolle über das Währungssystem und die Geldreserven behalten, bzw. ausbauen. Die Einführung von Digitalgeld will man nicht alleine privaten Playern überlassen. Langfristig kann DZBG zu einem diversifizierteren und widerstandsfähigeren Währungssystem beitragen und bietet den Zentralbanken die Möglichkeit, Finanzinnovationen proaktiv zu unterstützen. Auch die Einführung von Zinsmodellen (einschließlich negativer Zinsen), Kostensenkungen und Nachhaltigkeit sowie die effektive Bekämpfung und Verhinderung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung gehören aus Sicht der Zentralbank zu den Vorteilen von DZBG. Manche Erwägungen gehen sogar in die Richtung, die digitale Währung direkt an den Konsumenten in einem „einstufigen Modell“ auszugeben. Hier hätte der Verbraucher ein eigenes Konto bzw. „Wallet“ bei der Zentralbank. Dies hätte jedoch signifikante Konsequenzen für unser derzeitiges Bankensystem.

Und da sind wir auch schon bei der zweiten großen Interessensgruppe: Unsere Banken. Je nachdem wie die Gestaltung des DZBG ausfallen wird, das heißt ob eine ein- oder zweistufige Variante zum Zuge kommt, wird die Einführung deutliche Folgen für unsere Finanzinstitute haben. Erfolgt die Verteilung von DZBG via der Zentralbank direkt an den Bürger, laufen Geschäftsbanken Gefahr, in bestimmten Teilen der Wertschöpfungskette obsolet zu werden. Geschieht die Ausgabe und Verwaltung jedoch über die Geldinstitute, haben Banken Chancen auf neue, innovative Geschäftsmodelle. Es gibt noch weitere Vorteile, insbesondere können Banken von mehr Effizienz, Effektivität und Sicherheit im Zahlungsverkehr profitieren. In jedem Fall wird genau zu analysieren sein, welche Rolle DZBG vs. digtalen Zahlungsmitteln der Banken übernehmen soll und welche Auswirklungen die Einführung von DZBG auf z.B. die Bilanzen der Banken und damit auch die Kreditvergabefähigkeit haben wird.

Auch der Handel hat ein Interesse an der Einführung von DZBG. Kein Wunder, denn Bargeld ist hier vor allem ein Kostentreiber: Händler müssen Wechselgeld vorhalten und herausgegeben, Einnahmen zählen und bis zum Abtransport sicher aufbewahren. Zudem besteht immer ein Risiko Geldräubern zum Opfer zu fallen. Rund 5,7 Mrd. Euro muss der Einzelhandel laut Bundesbank für die Verwaltung und Abwicklung von Bargeld jedes Jahr investieren. Für den Handel ist DZBG daher auf jeden Fall günstiger als der aufwendige Einsatz von Münzen und Scheinen. Auch die bei DZBG sehr häufig eingesetzte DLT bzw Blockchain-Technologie bietet über die reine Abwicklung von Zahlungen hinaus interessante Ansätze für die Händler. DZBG kann insbesondere im Offlinemodus fast alle Eigenschaften von Bargeld haben. Die DZBG-Tokens können z.B. auf eine physische Geldkarte aufgespielt werden und verhalten sich dann weitgehen wie Bargeld, Transaktionen sind dann vollständig anonym, die Abwicklung ist aber für die Händler sehr viel einfacher und effizienter.

Für die Öffentlichkeit schließlich würde die Einführung von DZBG neben Banknoten und Münzen eine weitere Form von „sicheren“ Zentralbankgeld darstellen. Auf jeden Fall sollte DZBG für uns Verbraucher sämtliche Vorteile des Bargelds bieten. Es muss beispielsweise möglich sein, mit DZBG schnell, unkompliziert und anonym zu bezahlen. Zahlungen wären ohne zwischengeschaltetes Zahlungsverkehrssystem möglich und auch Peer-to-Peer-Zahlungen könnten mühelos durchgeführt werden.

DZBG-Merkmale können erheblich variieren

Das Design von DZBG ist stark davon abhängig, wo es schließlich zum Einsatz kommen und welche Attraktivität dem jeweiligen Nutzer geboten werden soll. Die Ausgestaltung wird sich nach den spezifischen geschäftlichen und funktionalen Anforderungen richten und immer mit Kompromissen verbunden sein. Die geldpolitische Innovation dabei ist die Ausgabe von Tokens durch eine Zentralbank als Zahlungsmedium, d.h. der im Token verkörperte Wert bzw. Anspruch richtet sich immer gegen die ausgebende Zentralbank. Technologisch funktioniert das digitale Zentralbankgeld in der Regel auf DLT bzw. Blockchain-Basis. Die Ausgabe an die Bürger wird entsprechend dem gewählten Modell von der Geschäftsbank über eine Wallet, in der das virtuelle Guthaben abgelegt wird, erfolgen oder über ein Konto direkt bei der Zentralbank.

Dabei sind eine Reihe von funktionalen und nicht funktionalen Anforderungen zu beachten deren Abbildbarkeit teilweise noch in der Erprobung steckt.

  • Skalierbarkeit
  • Sicherheit
  • Datenschutz
  • Anonymität
  • Offline Verfügbarkeit
  • Ausfallsicherheit
  • Programmierbarkeit

Einfache Plastikkarten oder kleine Chips als neues digitales „Bargeld“

Wie digitales Zentralbankgeld in der Praxis konkret dargestellt werden wird, ist derzeit noch in der Erprobung. Fakt ist, die Einführung wird unser Bargeld ein Stück weit ersetzen. Denkt man diese Entwicklung weiter, läutet die Einführung von DZBG vielleicht sogar das Ende des Bargelds wie wir es kennen ein. Spätestens dann muss eine Form gefunden werden, die auch losgelöst von Smartphone, Tablet oder Rechner funktioniert. Hier denke ich etwa an einfache Plastikkarten welche entsprechende Sicherheitsmerkmale enthalten, die von allen Bürgern ganz einfach offline genutzt werden können. Für die Hersteller und Betreiber der „alten“ Bargeldinfrastruktur verändert sich dadurch die Geschäftsgrundlage radikal. Druckereien von Banknoten, Hersteller von Geldautomaten, Wechselstuben oder Geldtransportdienste, sie alle sollten jetzt schon umdenken und daran arbeiten, Bargeld neu zu denken und ihre Fähigkeiten in neue Geschäftsmodelle einzubringen.