Accenture Banken Blog

Im Rahmen des 22. Deutschen Bankentag hatte ich die Gelegenheit, einen Lunch-Talk mit Burkhard Balz, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, und André M. Bajorat, Head of Strategy bei der Deutschen Bank, zu moderieren und dabei über die spannende Zukunft des europäischen Zahlungsverkehrs aus Sicht dieser beiden Experten zu diskutieren. Herausgekommen ist ein sehr interessanter Gedankenaustausch zu den großen anstehenden Initiativen des europäischen Finanzsektors, um sich für die aktuellen Herausforderungen und neuen Wettbewerber zu wappnen. Dabei geht es auch um die Souveränität Europas im so wichtigen Bereich Zahlungsverkehr. Die europäische Antwort heißt EPI und digitaler Euro (d€). Gemeinsam haben wir über die Erfolgsvoraussetzungen beider Initiativen gesprochen. Was bringen sie für die europäischen Kunden, wann kommen sie und wie wird dann die neue Welt des europäischen Zahlungsverkehrs aussehen.

Die aktuelle Lage: Der europäische Zahlungsverkehr ist national zersplittert. Visa und MasterCard dominieren seit langem den pan-europäischen und globalen Zahlungsverkehr. Jetzt drängen weitere ausländische Tech-Spieler nach Europa und erobern Marktanteile. Paypal, Square und Stripe aus den USA oder Alipay aus China. Bei der Einführung von digitalem Zentralbankgeld (DZBG) liegt China gefühlt 2 bis 3 Jahre vorn – und hat das ehrgeizige Ziel, den e-Yuan bereits zu den Olympischen Winterspielen in Peking 2022 in der Breite nutzbar zu machen. Mit Diem kommt auch noch ein globales, wertstabiles Krypto-Zahlungsmittel mit der unglaublichen Kundenbasis von Facebook in den europäischen Markt.

„In den letzten Jahren sind die europäischen Player das eine oder andere Mal falsch abgebogen.“ (André M. Bajorat, Head of Strategy Deutsche Bank)

Die Lösung, die sich bei meinen Gesprächspartnern und mir schon sehr schnell abgezeichnet hat, scheint so simpel wie herausfordernd: Gemeinsamkeit in Europa. Nur eine gemeinsame Antwort auf internationale Zahlungsmethoden und -lösungen wird sich in Europa auch bei den europäischen Kunden durchsetzen können. Bisher sind unsere europäischen Schemes wie Girocard, Card Banquaire, etc. weitgehend national ausgerichtet – entsprechend gering ist deren Kraft für neue, kundengetriebene Innovationen. Damit die Europäer ihre Souveränität in dem enorm wichtigen Bereich Zahlungsverkehr wiedererlangen können, müssen EPI und der d€ erfolgreich sein. Dies kann gelingen, wenn die Kunden, also Verbraucher, Händler und Unternehmen diese Produkte wirklich brauchen und wollen. Dies erfordert viel Kraft, Innovation und vor allem eine gemeinsame europäische Antwort. Die Etablierung einer neuen, einheitlichen, pan-europäischen Bezahllösung durch die großen europäischen Banken in Form von EPI als auch die Einführung des d€ durch die Europäische Zentralbank können das erreichen.

„Für die Weiterentwicklung des europäischen Zahlungsverkehrs sind alle gefordert – Privatwirtschaft, Politik und Zentralbanken.“ (Burkhard Balz, Vorstandsmitglied Deutsche Bundesbank)

EPI und der d€ stehen an der Schwelle zur Realisierung. EPI soll in spätestens 18 Monaten mit einem attraktiven Bezahlprodukt im europäischen Markt sein. Dafür wird nach Möglichkeit auf bestehenden Infrastrukturen aufgesetzt. Der d€ soll im Sommer entschieden werden, gefolgt von einer 2-jährigen Erprobungsphase. Die Einführung dauert dann sicher nochmals weitere zwei Jahre. Beides sind wichtige Bausteine, um Europa in Sachen Finanzmarkt souveräner und resilienter zu machen. Das erklärte Ziel ist es, den europäischen Zahlungsverkehr zu modernisieren, die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Kontext zu stärken, die europäische Unabhängigkeit zu fördern und vor allem den Kunden attraktive Angebote zu machen. Die Akzeptanz der Verbraucher und Händler ist das Schlüsselelement für den Erfolg.

EPI und der digitale Euro werden nach André Bajorat nur selten in einem Atemzug genannt. Der Grund dafür sind u.a. die zwei unterschiedlichen Zeitachsen: EPI ist schneller als der digitale Euro. Beide sind allerdings miteinander verzahnt und schließlich sollen beide dazu beitragen, die digitale Souveränität im Paymentbereich Europas zu erhalten und zu stärken. Auch für Burkhard Balz ist EPI ein wichtiger Baustein, um eine konkurrenzfähige europaweit einsatzfähige Zahlmethode zu schaffen. Dabei ist die Politik ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor und wird seinen Beitrag leisten.

„Mit der Einführung des digitalen Euros sehen wir die Chance, Geld auf die nächste Ebene zu heben.“ (André M. Bajorat, Head of Strategy Deutsche Bank)

Für meine beiden Gäste könnte die Einführung des d€ dazu beitragen, eine vollständige Abhängigkeit von Nicht-EU-Zahlungsdienstleistern abzuwehren. Sie sehen darin einen alternativen Zugang für Endverbraucher zu einem ausfallsicheren, kostengünstigen und „Daten-schonenden“ Zahlungsmittel. Und zwar abseits von Kryptowährungen, die lediglich als Spekulationsobjekt und Wertanlage denn als echtes Zahlungsmittel für Unternehmen und Verbraucher dienen. In einem zu Oligipolen neigenden Markt ist die Bereitstellung eines Zahlungsmittels durch die Zentralbanken ein wichtiger Regelungsmechanismus, um die europäischen Verbraucher und Händler zu sichern. Und mit dem absehbaren weiteren Rückgang der tatsächlichen Bargeldnutzung in Europa ist der e-Euro die richtige Antwort, um dem europäischen Verbrauchen auch nachhaltig ein stabiles Zahlungsumfeld zu sichern.

Fazit oder – Was bedeutet all das für die Zukunft des europäischen Zahlungsverkehrs?

Unser Gespräch hat eines verdeutlicht: Wir dürfen keine Zeit verlieren. Wer sich in den kommenden Jahren mit den globalen Tech-Giganten und innovativen neuen Playern im Zahlungsverkehr messen will, muss jetzt die Weichen stellen. Die nächste Innovation wartet schon und mit der sich rasant entwickelnden Token-Ökonomie ergeben sich ganz neue Spielfelder. Europa muss also jetzt handeln, um im internationalen Zahlungsverkehr nicht obsolet zu werden. Entsprechend spannend bleibt es, wie sich die Initiative der europäischen Banken EPI entwickeln wird und ob und wie schnell sich die Europäische Zentralbank dazu entschließen wird, den e-Euro einzuführen. Diese Ansicht teilten auch meine Gäste im Lunch-Talk. Für André Bajorat ist der Zahlungsverkehr der Zukunft in jedem Fall digital, nahtlos integriert sehr stark in die Prozesse hinein, mit einer relevanten Anzahl an Zahlungen durch europäisch-initiierte Netzwerke. Für Burkhard Balz werden Instant Payments bis 2031 zum Standard im europäischen Zahlungsverkehr sein. Auf deren Basis kommen starke pan-europäische Lösungen und Lösungen von Nicht-EU-Dienstleistern zum Markt hinzu. Auch technische Lösungen zur Bezahlung in sozialen Netzwerken werden in zehn Jahren vorhanden sein – eventuell sogar mit regulierten, privaten Zahlungsmitteln. Zeit, zu handeln.