Die Debatte um digitales Zentralbankgeld und den digitalen Euro nimmt Fahrt auf.

Zwei Themen scheinen beim digitalen Euro (d€) im Vordergrund zu stehen: Zum einen möchte man dem Nicht-Banken-Publikum, also auch der allgemeinen Bevölkerung, Zugang zu digitalem Zentralbankgeld gewähren. Zum anderen möchte man das Zentralbankgeld mit neuen Funktionen ausstatten, um damit neue Aufgaben und Herausforderungen anzugehen. Das erstere kann man mit verschiedenen Ansätzen lösen und viele davon stehen schon seit Jahrzehnten zur Verfügung. Das letztere hat mit der neueren Entwicklung von Blockchain zu tun, die jetzt neue Möglichkeiten bietet, Geld in Umlauf zu bringen.

Verschiedene Ausgestaltungen von „Geld“

Heute bestehen Geldmittel der Zentralbank im Wesentlichen aus Bar- und Buchgeld. Bargeld wird von Zentralbanken physisch gedruckt und ausgegeben, ist als Inhaberinstrument immer eine Schuld der Zentralbank gegenüber dem jeweiligen Inhaber der physischen Banknote und dient dem kleinen Zahlungsverkehr für Verbraucher, also dem Nicht-Banken-Publikum. Buchgeld ist ein digitaler Bucheintrag, also die Sichteinlagen der Geschäftsbanken bei der Zentralbank, und wird für den großen Zahlungsverkehr verwendet. Dem Nicht-Banken Publikum steht Buchgeld demnach nicht zur Verfügung.

Wie kann also eine digitale Variante aussehen? Gerade jetzt werden erste Umrisse einer möglichen Ausgestaltung des digitalen Euros erkennbar. Laut EZB soll der d€ in den nächsten fünf Jahren für jedermann in einer elektronischen Geldbörse, einer Wallet, zur Verfügung stehen. Diese Wallet könnten die Geschäftsbanken ihren Kunden zur Verfügung stellen. Zur Abwicklung der Transaktionen könnte dann auf bereits bestehende zentrale Plattformen zurückgegriffen werden, so zum Beispiel auf „Tips“ oder neue dezentralisierte auf Blockchain basierenden Plattformen.

Noch sind keine Entscheidungen zur genauen Ausgestaltung des digitalen Euros gefallen. Im Sommer beginnt die EZB zunächst mit einer Testphase. Insbesondere die Frage der zentralen vs. der dezentralen Ausgestaltung des digitalen Euros ist aber schon jetzt interessant.

„Altbewährtes“ oder „modern“? Vor- und Nachteile von zentral vs. dezentral

Mit der Einführung des digitalen Euros auf Basis zentraler Konten und bestehender Abwicklungsplattformen würde man bekannte und bewährte Stukturen nutzen. Es wäre die Erweiterung des Zugangs zu Zentralbankkonten für Nicht-Banken und würde ihnen ermöglichen, elektronische Zahlungen direkt via Zentralbankgeld durchzuführen. Wahrscheinlich würde man mit dem Ansatz auf „Bekanntes und Bewährtes“ auch die heutigen Use Cases abdecken sowie Zeit und Geld bei der Einführung sparen.

Es darf und muss aber auch die Frage gestellt werden, was man eben nicht bekommt, wenn man auf altbewährte Strukturen und Konzepte setzt: Eine „Token-basierte“ digitale Währung. Token sind digitale Inhaberinstrumente. Das bedeutet, der jeweilige „Inhaber“ hat einen direkten Anspruch gegenüber dem Schuldner, in unserem Fall der Zentralbank. Die Inhaberschaft wird anders als bei Bargeld nicht durch den physischen Besitz belegt, sondern durch den Besitz des kryptografischen Schlüssels. Wie physische Inhaberinstrumente erlauben diese Schlüssel, den Zahlungsvorgang durch eine einfachere Übertragung des Tokens zu vollziehen und gleichzeitig abzuschließen. Token verbinden damit die Vorteile des Bargeldes mit digitalem Geld: Die direkte Tilgung einer Forderung (Peer-to-Peer) und die zeitgleiche Zug-um-Zug-Zahlung werden dank Token möglich. Die erste erlaubt die schnellere und effizientere Durchführung von Zahlungen ohne die Notwendigkeit der Verrechnung und die zweite erlaubt die Zusammenlegung der Übertragung des Kaufgegenstands und der Zahlung für eine risikolose Abwicklung.

Token mit Mehrwert

Token sind programmierbar, können also in sich selbst komplexe Geschäftsbedingungen und Regeln enthalten, die unser Geld „smart“ werden lassen. So stellt die Einführung von Zinsen, Obergrenzen oder sonstigen Regeln mit Token keine größere Herausforderung dar. Die Eigenschaften von Token würde dem Zentralbankgeld damit neue Funktionen ermöglichen und digitalen Zahlensystemen als echte Zahlungsmittel zur Verfügung stehen. Zentralbankgeld könnte damit auch eine umfassende Verteilung erfahren, die so neuen Zahlungsplattformen den Zugang zu Zentralbankgeld erlaubt und damit den Wettbewerb im Payment-Sektor stärkt.

Token-basierendes Zentralbankgeld könnte daher dort Mehrwert schaffen, wo eine ganz sichere Abwicklung die Voraussetzung für einen erfolgreichen Handel ist. Zumal kann digitales Zentralbankgeld beim Wertpapierhandel eine Zug-um-Zug-Abwicklung mit tokenisierten Wertpapieren ermöglichen – und das in Echtzeit, brutto und ohne die Notwendigkeit des Clearings. Auch ausländischen Kunden könnte so, im Sinne der Zahlungsbilanz, Zugang zu digitalem Zentralbankgeld gewährt werden. Ein einfacher Zugang zu einem elektronischen Geldbeutel würde auch neue räumliche Möglichkeiten der Abwicklung schaffen. Der Devisenhandel könnte dank Token dann direkt in Zentralbankgeld abgewickelt werden und den Tausch von Währungen praktisch risikofrei machen. Auch hier greift einmal mehr der Vorteil der Programmierbarkeit: Man könnte regulieren, dass nur bestimmte Geschäfte ausschließlich von bestimmten Instituten durchgeführt werden können.

Eine Fragmentierung der Zahlungssysteme durch Token-basiertes digitales Zentralbankgeld ist indes nicht zu befürchten. Das neue Zahlungsmittel wird problemlos mit herkömmlichen Zahlungsmitteln austauschbar sein und die bestehende Infrastruktur an ihren Endpunkten mitbenutzen, um damit sicher zu stellen, dass der einheitliche Währungsraum erhalten bleibt.

Zeit für echte Innovation im Zahlungsverkehr – Die digitale Evolution von Zentralbankgeld

Zentralbankgeld hat seit der Einführung moderner Banknoten und des Giroverkehrs im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wenig Innovation gesehen. Digitale Token würden dem Zentralbankgeld erlauben, in neuer Gestalt dort anzuknüpfen, wo die neusten privaten Zahlungsmittel ansetzen. Der Euro könnte allen bekannten Zahlungssystemen zur Verfügung stehen, sowohl im Barverkehr, beim Giroverkehr als auch in Token-basierenden Finanzökosystemen. Der Euro als digitales Inhaberinstrument könnte den Wirkungsraum des Euros deutlich erweitern, um neuen modernen Zahlungsanforderungen gerecht zu werden – und eben auch künftigen Ansprüchen, die heute eventuell noch nicht bekannt sind. Die Innovation könnte beim digitalen Euro im Mittelpunkt stehen, um durch zusätzliche Funktionen und Zugang konkurrenzfähig zu bleiben – sowohl gegenüber ausländischem Zentralbankgeld als auch privaten Währungen – und damit den Euro zukunftssicher zu machen.