Alljährlich freue ich mich auf besonderen Lesestoff zum Jahresbeginn: Die Top-500-Studie, die wir inzwischen im zwölften Jahr gemeinsam mit der Tageszeitung DIE WELT herausgeben. Diesmal hat es die Standortbestimmung der deutschen Wirtschaft, wie ich finde, besonders in sich. Deutsche Unternehmen haben nicht nur im Licht der COVID-19-Pandemie deutlich Umsätze verloren; mit dem weiterhin produktzentrischen Modell als Fundament des Erfolgs wird es künftig schwer, mit der neuen globalen Wettbewerbsdynamik Schritt zu halten. Gegen das Tempo, mit dem unter anderem chinesische Unternehmen agieren, haben Produkte „Made in Germany“ alleine – mögen sie noch so sensationell sein – keine Zukunft. Unsere führenden Unternehmen müssen jetzt neue Expansionsstrategien entwickeln, mit einer Modernisierung und digitalen Neudefinition des eigenen Angebots.

Starke Banken sind ein Standortvorteil

Auch unsere Banken sind hier gefordert, und zwar in mehrerlei Hinsicht. Sie haben es wie andere Branchen bisher verpasst, sich von der Produktwelt zu lösen und Services im Kontext von End-to-End-Bedürfniswelten der Kunden zu denken. Damit fehlt ihnen aber auch das Rezept gegen das anhaltende Zinstief. Ertragsalternativen? Fehlanzeige. Das Ergebnis: Mit einer Cost-Income-Ratio von über 75 Prozent und einer Eigenkapitalrendite von gerade einmal rund zwei Prozent sind deutsche Banken im internationalen Vergleich weit abgeschlagen. Die geringe Profitabilität schränkt sie zugleich massiv in ihrer Handlungsfähigkeit ein. Diese Schwäche nutzen Auslandsbanken nur zu gerne und gewinnen bei der Finanzierung deutscher Unternehmen zunehmend an Relevanz. Noch ist das vielleicht unproblematisch. Der Verlust der Finanzierungssouveränität könnte sich aber zu einem massiven Standortnachteil auswachsen – ganz davon abgesehen, dass uns starke Banken auch bei der internationalen Begleitung unserer Exportchampions fehlen.

Unsere diesjährige Studie zeigt für deutsche Unternehmen aber nicht nur Defizite, sondern auch deutliche Wachstumsoptionen, an denen auch Banken partizipieren können. Drei davon möchte ich kurz herausstellen:

  1. Nachhaltigkeit: Klimaschutz und Kreislaufökonomie werden zu wichtigen Exportartikeln, gesellschaftlicher Nutzen wird zum Wachstumstreiber. Digitalisierung kann schließlich in Fertigung, Mobilität & Co. die Hälfte der CO2-Einsparungen bewerkstelligen, die für das Erreichen der Klimaziele bis 2030 erforderlich sind. Bei der nachhaltigen Aufstellung unserer Wirtschaft können auch Banken ihre Rolle finden, schließlich warten hier weltweite Billioneninvestitionen, die finanziert werden wollen.
  2. Outcome-Ökonomie: B2B-Kunden kaufen keine Produkte und Services mehr, sondern Ergebnisse – eine messbare Verbesserung für ihr unternehmerisches Handeln. Das ist auch im Corporate Banking die neue Messlatte. Banken werden sich stärker mit ihren Services in die Wertschöpfung ihrer Kunden integrieren und Finanzierungsleistungen & Co. in messbaren Mehrwert verwandeln müssen.
  3. Ökosystem-Geschäfte in der Cloud: Neue Geschäftsmodelle setzen branchenübergreifende Kooperationen voraus. Bahnbrechende Innovationen entstehen künftig nicht mehr im Alleingang. Das wird nicht nur für Banken herausfordernd, haben doch viele Institute noch immer damit zu tun, interne Silos abzubauen und die notwendigen organisatorischen Grundlagen für die Arbeit in der digitalen Ära zu schaffen. Wie die gesamte deutsche Wirtschaft müssen auch unsere Banken Erfahrung und Routine im gemeinsamen Schaffen und Teilen von Werten sammeln.

Banken sollten das Momentum nutzen

Diese drei Handlungsfelder sind insofern auch für unsere Banken höchst spannend – gerade vor dem Hintergrund einer spürbaren Dynamik, die unsere Studie ans Licht gefördert hat. Die Pandemiesituation scheint hier nämlich durchaus Impulse zu setzen. Neben einer Verstärkung der Resilienz bei den Lieferketten wollen:

  • 78 Prozent der führenden deutschen Unternehmen ihre digitale Transformation beschleunigen und die Cloud-Nutzung vorantreiben.
  • 74 Prozent die Art und Weise, wie sie mit ihren Kunden in Kontakt treten und interagieren, grundlegend verändern.

Unsere Wirtschaft scheint sich also endlich auf den Weg zu machen. Banken müssen jetzt ihre Strukturen und Services anpassen sowie neuen Mut und Gründergeist aufbringen, um unsere Wirtschaft dabei zu begleiten. Sie werden schließlich nicht nur zur Finanzierung der digitalen Transformation gebraucht. Viele der künftigen Geschäftsmodell-Innovationen der Unternehmen setzen wettbewerbsfähige und nicht minder innovative Banking-Services voraus. Wenn Unternehmen beispielsweise künftig vom klassischen Produktverkauf in Pay-per-Use- oder Asset-as-a-Service-Modelle wechseln wollen, dann müssen sich Banken mit ihren Finanzierungslösungen auch grundlegend anpassen und ihre Beziehung zu ihren Kunden neu denken. Andernfalls sucht sich die Industrie andere Sparringspartner. Gleiches gilt für Lösungen im Bereich Zahlungsverkehr, wo wir noch immer auf einen wettbewerbsfähigen deutschen – oder besser europäischen – Champion warten, auch wenn hier mit der European Payments Initiative (EPI) durchaus etwas in Bewegung geraten ist.

Insgesamt geht es um nicht weniger als die digitale Souveränität Deutschlands und Europas im Systemwettbewerb zwischen den USA und China. Wenn wir wollen, dass unsere Unternehmen und Staaten Entscheidungen frei und unabhängig treffen können, müssen wir einseitige strukturelle Abhängigkeiten vermeiden. Banken müssen unsere Leitindustrien mit zurückgewonnener eigener Kraft und innovativen Services unterstützen, damit diese neue Stärke und internationale Wettbewerbsfähigkeit für das digitale Zeitalter aufbauen können.

Diese Herausforderung ist eine Mannschaftsleistung nicht nur der einzelnen Finanzinstitute hierzulande, sondern auch der europäischen Bankensysteme. Schritte wie die EPI oder der digitale Euro stimmen mich zuversichtlich. Dem sollten weitere Maßnahmen hin zu einer schlagkräftigen europäischen Finanzinfrastruktur folgen.