Accenture Banking Blog

Die zweite Fassung der Zahlungsdiensterichtlinie (PSD II) wird auch hierzulande das Geschäft der Banken und Sparkassen radikal verändern. Mit dem Beschluss Anfang Oktober 2015 im Europäischen Parlament läuft der Countdown für die Institute, sich im Zahlungsverkehrs- und Kontoführungsmarkt grundlegend neu zu positionieren. Für die Berücksichtigung der neuen Normalität im Geschäftsmodell der Banken bleibt mit der maximal zweijährigen Umsetzungsfrist nur wenig Zeit. Doch welche Chancen und Risiken kommen eigentlich auf die Institute zu?

Banken nur noch Infrastrukturanbieter?

Einerseits besteht die Gefahr, dass das Front-end zum Kunden noch stärker als bislang durch andere Dienstleister übernommen wird (die Dienstleistungsformen habe ich ja bereits in meinem letzten Beitrag angeschnitten). So ist es für das Online-Banking künftig nicht mehr notwendig, das Front-end seines kontoführenden Institutes zu nutzen. Die gleiche Funktionalität könnte dann auch auf dem Portal eines Dritten angeboten werden – der zudem noch die Möglichkeit hat, dies für mehrere Konten bei unterschiedlichen Instituten integriert anzubieten und um Zusatzdienstleistungen auszuweiten. Noch bedeutsamer ist jedoch, dass sich ebendiese Portale auch zu Marktplätzen für Finanzprodukte aller Art entwickeln können. Sofern Banken und Sparkassen dem nicht mit modernen, digitalen Angeboten gegensteuern, besteht die Gefahr, dass sie auf die Rolle des technischen Kontoführers zurückgedrängt werden. Sie müssen die kostenintensive Umsetzung regulatorischer Vorgaben dann weiterhin erfüllen, während sie von den eigentlich interessanten Ertragsquellen zunehmend abgeschnitten werden.

Neues Wachstum mit der „One-Stop-Bank“

Andererseits hat die Entwicklung auch eine höchst positive Kehrseite für die Institute. Denn die Regulierung bietet Banken und Sparkassen die Option, die neuen Möglichkeiten selbst zu nutzen und sich als „One-Stop-Bank“ zu positionieren. Die eigene Oberfläche dient dann dazu, dem Kunden auch Services und Informationen zu Konten anderer Wettbewerber anzubieten. Dadurch erhält das Institut zugleich auch mehr „Insights“ über die Kunden. Genau das ist der Treibstoff für das Wachstum der Zukunft. Denn Daten sind nicht nur die Grundlage zur Verbesserung der eigenen Produktpalette. Sie ermöglichen gleichzeitig die Entwicklung eines weit stärker kundenzentrierten Angebots und damit einhergehend ein riesiges Cross-Selling-Potenzial. Auf dem Weg zur „Everyday Bank“, die ihr Angebot ganz am Kunden, dessen Lebenssituation und Bedürfnissen ausrichtet, ist der Einfluss von PSD II insofern eher ein Meilenstein. Die notwendige Wegstrecke zu absolvieren, wird umso mehr zur Pflicht.

Aufstieg von Analytics wird befeuert

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So oder so wird Analytics bei der Kontoführung und im Zahlungsverkehr zukünftig eine bedeutende Rolle spielen. Banken und Sparkassen müssen ihre doch sehr vorsichtige Haltung in diesem Bereich dringend überdenken. Kunden verlangen immer stärker nach kontextbezogener Aufbereitung und Konsolidierung von Daten und auf ihre individuelle Situation zugeschnittene Angebote. Dies lässt sich nur mit modernen Analytics-Methoden erreichen – und die neuen Wettbewerber haben hier nicht nur deutlich weniger Berührungsängste, sondern auch teilweise eine deutlich größere Erfahrung. Natürlich müssen dabei die strengen Datenschutzbestimmungen beachtet werden. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass Kunden einer Nutzung ihrer Daten umso mehr zustimmen, je höher der Mehrwert für sie ist.

PSD II hat nicht nur das Potenzial, den Kontoführungs- und Zahlungsverkehrsmarkt neu zu ordnen. Perspektivisch kann die Regulierung auch zum echten „Game Changer“ im klassischen Bankgeschäft werden. Die Institute müssen jetzt handeln –in zwei Jahren könnte es längst zu spät sein.

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