Accenture Banking Blog

In knapp einem halben Jahr geht mit dem Start von MiFID II und der zugehörigen Verordnung MiFIR eine intensive Auseinandersetzung rund um die Neuregulierung der Finanzmärkte zu Ende. Nach der Lehman-Pleite und anderen Verwerfungen soll sich die Finanzbranche weit stärker an den Bedürfnissen der Verbraucher ausrichten. Doch profitiert die breite Masse der Verbraucher von den Reformen? Werden ihre Interessen tatsächlich gestärkt?

Die durch MiFID II neu geregelten Verfahren und Vorgaben zur Stärkung des Anlegerschutzes sind vielfältig, sie greifen enorm in die Organisation der Geschäftsabläufe ein. Die Erwartungen an die Wirksamkeit der Reformen sind hoch, jedoch wurden im Verlauf der Umsetzung bereits mögliche Grenzen deutlich. Das setzt bereits auf Ebene der Produktgestaltung an.

Hochkomplexe Product Governance reduziert das Angebot

Mit der Einführung der Product Governance setzt die Verpflichtung zum anlegergerechten Vertrieb von Finanzprodukten bereits beim Emittenten an. Schon auf der Stufe der Produktentwicklung soll ein Mechanismus den Absatz ungeeigneter Produkte verhindern. Ohne den direkten Zugang zum Verbraucher – dies ist im Regelfall schlichtweg so – kann der Emittent den entsprechenden Zielmarkt für das Produkt nur abstrakt festlegen. Zudem existieren völlig unterschiedliche Anlegertypen. Mit seinem Kundenzugang kann der Vertrieb womöglich zu einer ganz anderen Marktabgrenzung kommen. Zur Angleichung fordert die Product Governance daher eine enge Verzahnung des Emittenten mit den Vertriebsstellen. Der Emittent ist verpflichtet, das Risikoprofil seines Finanzprodukts auch nach dem Verkauf zu beobachten und ggf. Anpassungen vorzunehmen. Ohne entsprechende Informationen der Vertriebsstellen wird das nicht funktionieren. Aus diesem konzeptionellen Ansatz resultiert hoher Aufwand auf beiden Seiten. Im Ergebnis wird dies die Vielfalt der angebotenen Produkte einschränken. Ob das im Interesse der Verbraucher sein kann, ist fraglich.

Per Produktintervention zur Kundenentmündigung

Hand in Hand mit der Product Governance geht die Einführung europaweiter Rechtsgrundlagen für Produktinterventionen durch die Aufsichtsbehörden. Inhaltlich sollen solche Interventionen – bis hin zu Verboten – nicht nur systemische Risiken verhindern, sondern auch dem Verbraucherschutz dienen. Hier wird verbraucherpolitisches Neuland betreten, schließlich handelt es sich um eine klare Abkehr vom Paradigma des aufgeklärten Kunden. Ursprünglich sollte er über die ohnehin erforderliche Aufklärung in die Lage versetzt werden, eigenverantwortliche Anlageentscheidungen zu treffen. Die Produktintervention trägt hingegen paternalistische Züge zum Schutz des Kunden. Sie unterstellt ihm auf der Basis verhaltenswissenschaftlicher Forschungsansätze, er könne trotz der gehörigen Aufklärung nicht die für seine Situation richtigen Schlüsse ziehen. Das Schutzbedürfnis des Einzelnen ist jedoch höchst unterschiedlich ausgeprägt. Die Quasi-Entmündigung nimmt in Kauf, dass auch Kunden von einem Erwerbsverbot betroffen sein werden, die dieses Schutzes bei individueller Betrachtung nicht oder nicht in dieser Form bedurft hätten.

MiFID II wird damit allein schon bei der Regulierung auf Produktebene vielen Aspekten des Verbraucherschutzes nicht gerecht. Auch weil die Regelungen teils stark übers Ziel hinausschießen, stehen hier regulatorische Kosten und der Nutzen in einem Missverhältnis. Und dabei habe ich die Vertriebsperspektive noch nicht einmal betrachtet. Das werde ich aber in meinem nächsten Blogpost nachholen.

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