Accenture Banking Blog

Ein für die Industrie 4.0 wesentlicher Aspekt kommt der Rolle von Blockchain zu. Aus Bitcoin heraus entstanden, sind inzwischen die Anwendungsfälle im Zahlungsverkehr dafür fast allen bekannt – Blockchain hat Massenpotential. Auf einmal wird vieles greifbarer und einfacher als noch vor wenigen Jahren: Geschäftsvorfälle können weltweit und grenzüberschreitend mit elektronischen Dokumenten und entsprechenden Zertifikaten abgewickelt werden; cloudbasierte Vertragsabwicklungen über die elektronische Identität und Signaturen sowie die Vergabe und Überwachung von Micro- und Konsortialkrediten sind jederzeit, überall und direkt möglich. Einer Bank 4.0 steht also nichts mehr im Weg.

In diesem ersten Teil meines neuen Blogbeitrags liegt der Fokus auf den Auswirkungen von Blockchain auf die Kapitalmärkte. So viel vorneweg: Blockchain ist keine Fußfessel für die Kapitalmärkte, ganz im Gegenteil. Richtig verstanden und angewendet, ist Blockchain eine Chance, die vielversprechend genutzt werden kann, um auch in Zukunft als Marktteilnehmer relevant zu sein.

Den Hype nicht verschlafen

FinTechs sind derzeit in aller Munde. Neben den bekannten großen Marktteilnehmern, sind viele dieser Start-ups im Bereich der Finanztechnologie jetzt auch im Wettbewerb um Marktanteile. Die Schritte von der Idee, über die Umsetzung bis zur ersten Nutzung liegen zeitlich sehr nah beieinander und FinTechs scheinen hier erst einmal agiler und flexibler agieren zu können, während sie gleichzeitig die initialen Investitionskosten gering halten. Da kann für die etablierten, aktuell marktbeherrschenden Firmen schon einiges schiefgehen und genau das fürchten die Kapitalmarktteilnehmer.

Dabei ziehen im Grunde alle an einem Strang, denn der Handel und die Abwicklung sollen endlich transparenter, sicherer, noch effizienter und vor allem kostengünstiger werden. Klingt verlockend und das Ziel kann sich für die Kapitalmärkte durchaus sehen lassen: Zwischenparteien wie Zentrale Kontrahenten (CCPs), Nationale und Internationale Zentralverwahrer (CSDs, ICSDs), Zentrale Register und viele ihrer heutigen Dienstleistungen werden in den meisten Fällen nicht mehr nötig sein.

Nun scheint die Entwicklung durch die FinTechs jedoch so schnell voranzukommen, dass Blockchain in den nächsten 4 bis 6 Jahren sehr wahrscheinlich zum Mainstream werden wird. Erste Marktplätze die auf der Blockchain-Technologie aufgebaut wurden, sind bereits Realität wie zum Beispiel der Währungsmarktplatz in England für das B2C Segment.  Viele etablierte Marktteilnehmer müssen sich also schnell umorientieren.

Mit den richtigen Fragen und Maßnahmen beginnt die Zukunft heute

Im Moment ergibt sich eine Reihe konkreter Fragen, die vom Markt angegangen werden müssen. Fangen wir mit zwei Fragen an:

1. Welche Geschäftsvorfälle und Anlageklassen lassen sich bereits heute mit Blockchain abbilden?

Ich bin der Meinung, dass sich die Anwendung der Blockchain-Technologie sehr schnell sowohl auf den Wertpapier- und Derivatehandel und deren Abwicklung als auch auf die Kapitalmaßnahmen überträgt. Der Handel mit Währungen ist bereits heute Realität. Um den Zug nicht zu verpassen, muss die Führungsspitze der Banken reagieren. Es gilt, dedizierte Teams aufzusetzen und das Thema auf die Agenda der Technologie-Ausschüsse (intern als auch extern) zu bringen, die bei der Analyse der eigenen Produkte und Dienstleistungen mit Know-how unterstützen.

2. Welche Anwendungsfälle könnten sich in kurzer Zeit ändern? Was sind die Anwendungsfälle der Zukunft?

Vereinheitlichung und Zentralisierung der Stammdatenpflege vereinfacht und verkürzt die Kunden-Onboarding-Prozesse. Damit wird das große Thema „Big Data“ angegangen und die damit verbundenen Dienstleistungen verändern sich ebenfalls. Eine Vereinfachung und damit einhergehende Automatisierung durch Blockchain ganz allgemein und allumfassend wird einen Handel rund um die Uhr ermöglichen. Die aktuellen Einschränkungen der Handelszeiten werden obsolet werden, Bankfeiertage oder Nachtverarbeitungsfenster werden zunehmend irrelevant. Dies führt zu einer Abwicklung in nahezu Echtzeit, während wir heute noch von einer Abwicklungsdauer von ein bis zu drei Tagen sprechen. Durch diese zukünftig extrem kurze Abwicklungsdauer sinkt auch das Gegenparteirisiko.  Eine Absicherung der Geschäfte (Collateral Management) wird je nach Geschäftsvorfall entweder unnötig, oder deren Einsatzbereich stark eingeschränkt. Die damit freigewordenen Wertpapiere oder Zahlungsmittel können anderweitig eingesetzt werden. Kosten für die Abwicklung und Compliance-Maßnahmen sinken für alle Marktteilnehmer ebenfalls erheblich, da ein automatischer Abgleich mit den, sofern überhaupt noch vorhandenen, eigenen Beständen vereinfacht wird oder wegfällt. Die Fehlerquote reduziert sich aufgrund weniger werdender menschlicher Eingriffe oder Zwischenschritte und geringere Latenzzeiten in der Abwicklung beschleunigen auch die Umschuldungen oder Umfinanzierungen, die zur Bilanzoptimierung eingesetzt werden.

Gleichzeitig bietet die Blockchain-Technology oder Infrastruktur einen genaueren und ständig aktuellen Einblick in die offenen Risiko- und Kreditpositionen des eigenen Risikomanagements. Das Reporting an die Bankenaufsicht wird im Extremfall gar nicht nötig sein. Die Behörden werden ihr eigenes Reporting auf Basis der gemeinsamen und übergreifenden Blockchain-Instanz durchführen. Die Bankenaufsicht erhält die Möglichkeit wesentlich bessere Algorithmen zur Aufdeckung oder Vermeidung von Geldwäsche zu entwickeln.

Für ausgewählte Anlageklassen ergeben sich Besonderheiten: Bei Anleihen ermöglicht die Nutzung von Blockchain eine Erstausgabe direkt an den Käufer und ohne Zwischenparteien. Die vereinfacht und beschleunigt den Prozess und erlaubt eine günstigere Durchführung. Der Einsatz der Wertpapierleihe zur Deckung von Lieferschwierigkeiten wird durch eine geringere Fehlerrate in der Abwicklung  zum Teil unnötig. Für die übrigen Wertpapierleihegeschäfte (zur Refinanzierung, Steueroptimierung oder Kapitalerhöhung) ist sogar ein vorausschauendes Reporting potenzieller Geschäfte möglich.

Natürlich gibt es noch viele weitere Anwendungsmöglichkeiten und Lösungsansätze. Auf alle näher einzugehen, sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Die Accenture Financial Services Social Media Kanäle auf LinkedIn, Xing und Twitter bieten jedoch eine hervorragende Möglichkeit, weiter darüber zu reden und zu diskutieren.

In meinen nächsten Blogbeitrag werde ich einen Fokus auf drei Fragen in Bezug auf neue Produkte, FinTechs / Konsortien und Einsparpotenzial durch Blockchain legen. Der Hype wird zeitnah Realität für alle Kapitalmarktteilnehmer.

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