Accenture Banking Blog

Bisher ist es erst in den USA am Markt – aber auch in Europa wird seit einigen Monaten ApplePay als richtungsweisendes System für das mobile Bezahlen gefeiert. Zumindest eine kleine Revolution ist das Ganze ja schon. Nicht, was die Technologie anbetrifft: der Technologieriese aus Cupertino setzt letztlich auf den NFC-Standard. Das Besondere ist die eigentliche Umsetzung des Vorzeigekandidaten in Sachen Marketing, Design und Benutzerfreundlichkeit. Kaum ein Unternehmen weiß es, seine Produkte und Dienstleistungen besser in Szene zu setzen. Zumindest für Apple-Fans und designorientierte Kunden, dazu möchte ich mich auch zählen, aber auch für intensive Kreditkartennutzer, könnte das Zahlungssystem auf diesem Weg zu einem weiteren wichtigen Produktangebot der Kalifornier werden.

Aber lassen Sie mich einen Rückblick auf die letzten sechs Monate werfen: nach über 150 Tagen im Einsatz kann man durchaus sagen, dass Apple Pay in den USA sehr erfolgreich gestartet ist. Doch selbst dort ist der Anteil im Markt noch vergleichsweise klein. Vor einer erdrutschartigen, disruptiven Entwicklung im Zahlungsverkehr, wie seinerzeit für die Musikindustrie und ihre Tonträger durch iTunes, braucht sich die deutsche Bankenlandschaft insofern erst einmal nicht zu fürchten. Dies liegt einerseits an der weit geringeren Durchdringung unseres Marktes mit iPhones als dies in den USA der Fall ist. Der Marktanteil des Apple-Betriebssystems bewegte sich in Deutschland zuletzt bei gerade einmal 17 Prozent, der Anteil der ApplePay-fähigen neueren Gerätegeneration dürfte deutlich geringer sein. Andererseits wird der mittel- bis langfristige Erfolg aber auch stark von der Kreditkartennutzung abhängen. Hierzulande verfügt gerade einmal ein Drittel der Bevölkerung über eine entsprechende Karte und der Anteil der Zahlungsform – zum Beispiel am Einzelhandelsumsatz – stagniert seit mehr als 5 Jahren bei 5%. Hinzu kommt die für Banken unattraktive Kostenstruktur: Im Zuge der Neuregulierung des Interbankenentgeltes bleibt für die Institute kaum Marge übrig. All dies sind nicht unbedingt gute Aussichten dafür, dass die Karten im Zahlungsverkehr durch Apple allein neu gemischt werden.

Was mich aber nachdenklich stimmt – man hat manchmal den Eindruck, als würde sich die Schockstarre der Kreditinstitute bei der Entwicklung eigener mobiler Bezahllösungen durch die aktuelle Entwicklung noch weiter verstärken. Der Bankenverband hat sich Ende März mit ersten Informationen zum Gemeinschaftsunternehmen GIMB (Gesellschaft für Internet und mobile Bezahlungen) geäußert und eine Pressemitteilung veröffentlicht. Darin wird erstaunlicherweise lediglich von einem Online-Bezahlverfahren als Konkurrenz zu Paypal gesprochen – Mobile Payment bleibt gänzlich unerwähnt. Inzwischen gibt es aber mehr als 40 Wallets- sprich mobile Bezahlvarianten – auf dem deutschen Markt. So gut wie keines stammt von einer klassischen Bank. Passt das zusammen?

Sicher, Apple ist nicht der einzige branchenfremde Konkurrent, der in den Markt stößt, und klar ist auch, dass noch kein definierter Standard für mobile Bezahlverfahren existiert. Das Risiko, in eine vermeintliche technologische Sackgasse zu investieren scheint hoch. Der Zahlungsverkehr ist aber eigentlich ein ureigenes Geschäft der Banken. Gerade vor dem Hintergrund des enormen Drohpotenzials müssen die Institute dieser Rolle dringend gerecht werden und schnellstmöglich eigene Lösungen präsentieren.

PDF-Download
PDF-Download

Klar ist: die Abwicklung von Zahlungen sind weit mehr als ein Service im Hintergrund. Sie bietet heute einen der wenigen verbliebenen Interaktionspunkte zwischen Banken und Kunden. Die Transaktion selbst ist nur der Startpunkt für etwas „Größeres“ – und sei es der Kauf des Fernsehers oder die Fahrt mit dem Taxi. Sie muss deswegen so einfach wie möglich sein. Außerdem bildet sie mit einer Vielzahl an Daten und Informationen über den Kunden die Grundlage für neue kundenzentrierte Angebote: Echte Advisory in allen Finanzangelegenheiten, aber auch zusätzliche bankfremde Leistungen. Die Stärke der mobilen Technologie ist es ja gerade, durch Integration von Zahlungsverkehr und anderen Use Cases Mehrwert für die Kunden zu schaffen.

Theoretisch kennt niemand seine Kunden besser als die eigene Bank. Sie ist der Partner, der für ihn aus Finanzsicht sämtliche Dinge des Lebens erledigt – vom Begleichen der Stromrechnung bis hin zum Kauf eines neuen Autos. Doch der praktische Nutzen dieser Informationen und die Entwicklung einer neuen Beziehung zum Kunden stehen genau dann im Risiko, wenn Banken den Zahlungsverkehr an neue Wettbewerber verlieren. Ob sie nun Apple, Google, oder Paypal heißen, ob es Amazon oder Facebook sind: Die neue Konkurrenz steht in den Startlöchern und wird nicht auf die Banken warten. Eigene Wege wollen jetzt beschritten werden.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.