Accenture Banking Blog

Als ich irgendwann 2014 im Berliner Kulturkaufhaus gegen 23 Uhr schlaflos durch die Gänge stolperte, fiel mir ein Buch vor die Füße – „Flash Boys“. Entgegen meiner von Müdigkeit benebelten Vorstellung war es kein Roman, sondern ein Buch über die Entwicklung des automatisierten Handels. Und dieser erzeugt heute etwa 80% des gesamten europäischen Handelsvolumens. Begünstigt durch diverse Regulierungen (MIFID I, Split der Liquidität durch MTF) wurden Handelsabläufe verstärkt durch den Einsatz von Algorithmen (Algos) auf elektronische Systeme übertragen. Zu Beginn fokussiert auf standardisierte Produkte, wird in den kommenden Jahren die Fähigkeit der Algos wachsen, auch mit komplexen Strukturen umzugehen. Simpel betrachtet ist jede Anlageregel ein Algorithmus, der sich automatisieren lässt.

Meine Erfahrung ist, dass nicht selten Portfolien mit Hilfe von Excel-Sheets konstruiert werden und immer noch häufiger als gedacht Faxe versendet werden, um Orders auszulösen. Die manuell ausgelösten 20% des europäischen Handelsvolumens bieten hinreichend Potenzial für Technologieeinsatz und eine Verbesserung der Investment-Ergebnisse.

Algo Trading ermöglicht die umgehende Reaktion auf Marktentwicklungen binnen Millisekunden und erlaubt außerdem eine genaue und nahezu fehlerfreie Ausführung von Trades. Schon Gottfried Wilhelm Leibniz schrieb: „Es ist unwürdig, die Zeit von hervorragenden Leuten mit knechtischen Rechenarbeiten zu verschwenden, weil bei Einsatz einer Maschine auch der Einfältigste die Ergebnisse sicher hinschreiben kann.“ Und heute brauchen wir sie noch nicht einmal mehr selbst hinschreiben. Wir können Orders an allen angeschlossenen Handelsplätzen parallel aufgeben (Smart-Order-Routing) und die wertvolle menschliche Intelligenz auf den anspruchsvollen Teil der Arbeit fokussieren: die kontinuierliche Verbesserung der Investitionslogik.

Banken können auf jegliche verfügbare Liquidität simultan zugreifen und somit den besten Preis für den Kunden ermitteln. Eingedenk der Tatsache, dass jeder zehntel Basispunkt, der durch diese Optimierung eingespart werden kann, die Performance von Investitionsprodukten sowie die Marge für Investmenthäuser steigert, ist es erstaunlich, dass die 100% beim europäischen Handelsvolumen noch nicht erreicht sind. Die Verbesserung der Algos wird denn auch teilweise Cash Trader ersetzen – sobald Artificial Intelligence noch intelligenter wird. Als Pendant zu den Back-Office-Automatisierungen werden sie das Front Office verändern und wichtiger Teil der Customer Journey werden. Wer möchte schon bei einem Haus investieren, das zu den 20% gehört.

Bestehende Nachteile – beispielsweise, dass die meisten Algos momentan wie Lemminge den selben Signalen folgen und damit Marktentwicklungen verstärken – werden in den nächsten Jahren durch den Einsatz von Analytics und Artificial Intelligence nivelliert. Unabhängig von regulatorischen Vorgaben, die den Hochfrequenzhandel bändigen sollen, wird die wahre Revolution durch den breiteren Einsatz intelligenter Technologie kommen – wie so häufig. Infrastruktur-Anbieter, die Anforderungen an das Hosting und die Übertragungsgeschwindigkeiten erfüllen können (Proximity Hosting, Low-Latency Trading), werden sich konsolidieren und Lösungen entwickeln, die die Kosten weiter drücken, die Sicherheit erhöhen und den Markt fairer machen. Goldman Sachs, die auch einen der „Flash Boys“ stellten, versteht sich nicht umsonst schon heute als Technologiekonzern. Denn der kluge Einsatz von Technologie zur Verbesserung des eigenen Geschäftsmodells wird den Unterschied machen. Wenn jeder Marktteilnehmer die gleiche Hochfrequenz-Technologie nutzen kann, gewinnen die Algos, die am schnellsten lernen und neue Potenziale identifizieren. Und frei nach Leibniz wird dies zu Investmentergebnissen führen, bei denen sich der menschliche Geist mit anspruchsvolleren Themen beschäftigt. Und sei es, um am späten Abend durch eine Buchhandlung zu schleichen.

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